Gerechtigkeit

Irgendwie ist ja jeder für eine gerechte Welt oder zumindest für eine gerechte Gesellschaft. Das Problem ist, dass jeder darunter etwas anderes versteht. Der eine findet gerecht, dass er die materiellen Früchte seiner Arbeit möglichst vollständig selbst genießen kann, ohne dass eine „ineffiziente Umverteilungsbürokratie“ ihm nahezu die Hälfte wegbesteuert. Der andere möchte, dass alle unabhängig von Herkunft und Leistung die gleichen materiellen Ressourcen zur Verfügung haben sollten.

Wie kann man das lösen?

Der Sozial-Philosoph RAWLS hat dazu eine überzeugende Theorie entwickelt: Er hat zu folgendem Gedanken-Experiment eingeladen: Die Mitglieder einer Gesellschaft (bzw. eine geeignete Auswahl) setzt sich zusammen und sucht nach den gerechten Regeln des Zusammenlebens. Der Clou: Keiner weiß, in welcher Situation er oder sie selbst steckt. Die eigene Lebenssituation ist schlichtweg nicht bekannt! Es könnte sein, dass man der Erbe eines Milliarden-Vermögens ist, vielleicht ist man aber auch ein arbeitsloser ehemaliger Förderschüler oder chronisch krank.

Es geht also nicht um Interessen – die man ja nicht kennt – sondern um die Berücksichtigung aller denkbaren Optionen. Als Milliardärs-Sohn würde man sich über eine 100%-Erbschaftsteuer ärgern, als chronisch Kranker oder Behinderter wäre ein fürsorglicher Sozialstaat sehr willkommen.

Man würde sich vermutlich in so einem Szenario auf Regeln einigen, die irgendwie einen vernünftigen Ausgleich schaffen. Der Unterschied zur realen Situation besteht wohl vor allem darin, dass üblicherweise die privilegierten Mitglieder einer Gesellschaft besonders gute Möglichkeiten haben, ihre Interessen im politischen Wettkampf durchzusetzen. Deshalb geht es den wirtschaftlich Mächtigen in den meisten Gesellschaften recht gut.

Was beeinflusst – außer den eigenen Interessen – noch die Maßstäbe für Gerechtigkeit?

Meiner Überzeugung nach ist dabei ein Faktor extrem entscheidend: In welchem Ausmaß hält man den einzelnen Menschen für das verantwortlich, was er aus seinem Leben macht bzw. gemacht hat. Auch da gibt es zwei diametral entgegengesetzte Grundpositionen, die zu völlig unterschiedlichen Gerechtigkeits-Schlussfolgerungen führen:

Einmal könnte man in typisch amerikanischer Manier davon ausgehen, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Wer es zu etwas gebracht hat, hat es verdient; wer nicht, ist selbst Schuld! Er/sie hat eben seine/ihre Chancen nicht genutzt. Schließlich kann man ja auch vom Tellerwäscher zum Millionär (heute würde man eher sagen „zum Milliardär“) aufsteigen. Der Vorteil dieser einfachen Weltanschauung liegt auf der Hand: Man muss sich als Gesellschaft über die Gerechtigkeit keine besonderen Gedanken machen; es regelt sich von selbst. (Deshalb gilt in den USA jede Form von Sozialstaat gleich als Kommunismus).

Man könnte allerdings  – ganz vom anderen Ende aus – auch darauf hinweisen, dass allein der Zufall der genetischen Ausstattung und des Geburtsortes entscheidend für die Lebenschancen sind. Weil nicht nur die äußeren Bedingungen (gesellschaftliches und soziales Milieu, Sozialstatus und emotionale Qualitäten der Familie, Bildungschancen) sondern auch die inneren Voraussetzungen (Intelligenz, äußere Attraktivität, Temperament, Impulskontrolle, Fähigkeit zur Selbstdisziplin, usw.) nicht dem eigenen Einfluss unterliegen. Lässt man sich darauf wirklich ein – was die meisten Menschen aus guten Gründen nicht tun wollen – steht eine weitere Entscheidung an: Soll die Gesellschaft die unverdiente/unverschuldete Ungleichheit als naturgegeben hinnehmen oder soll sie diese weitgehend ausgleichen?

Die meisten von uns würden vermutlich jeweils zu irgendwelchen Zwischenpositionen neigen („Da ist ja überall etwas dran…“), ohne sich den Grundfragen wirklich zu stellen. Wenn man genau hinschaut, spielt dann eher die Rechtfertigung und Verteidigung der eigenen Lebenssituation eine Rolle (z.B.: „Ich habe mich schließlich mit viel Einsatz selbst hochgearbeitet, während es sich andere auf der sozialen Hängematte bequem gemacht haben…“).

Mir scheint der gegenteilige Weg sinnvoll zu sein: Sich nämlich die oben genannten Fragen einmal ernsthaft zu stellen und die möglichen Antworten zu Ende zu denken:

Welche der Faktoren, die meine jetzige Lebenssituation ausmachen, habe ich wirklich „frei“ bestimmen können?
Wer oder was hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin?  War ich das wirklich selbst?
Hatten andere – auf die ich vielleicht manchmal herabschaue –
wirklich die gleich Möglichkeit, meinen Weg einzuschlagen?
Wenn mich die Umstände (der Zufall, das Schicksal, der liebe Gott) auf die Schattenseite des Lebens geworfen hätte – würde ich es dann auch richtig finden, diese Situation als gegeben anzunehmen?

Warum ich das alles schreibe?

Ich schlage vor, bei der nächsten Diskussion über Gerechtigkeit – egal ob politisch oder philosophisch motiviert – zunächst über diese Grundfragen zu sprechen. Vermutlich fühlen sich dann so scheinbar existenzielle Fragen wie Erbschaftssteuer oder Vermögensabgabe ganz anders an. Irgendwie banal vielleicht….