AfD und ihre Wähler von SILVIA

(Dieser Beitrag war ursprünglich ein Kommentar hierzu)

Ein Viertel der ostdeutschen Brüder und Schwestern wählen die AFD. Und dies, nachdem sie mehr oder minder mutig vor 30 Jahren laut verkündend Freiheit, Demokratie und Menschenwürde eingefordert haben. Ich könnte mich aus Verzweiflung in Sarkasmen verlieren und mich daran abarbeiten, dass das Bedürfnis nach Westwaschmittel, amerikanischen Jeans und französischem Parfüm die eigentliche Motivation war, um zu sagen: „Schluss mit Manipulation, Unterdrückung, Bespitzelung und Toten, die versucht haben zu fliehen.
“Ich bin überzeugt davon, dass Reisefreiheit der intensivste Wunsch war, der die Menschen bewegt hat. Ansonsten hätte vielleicht alles so bleiben können, wie es war. Eine unrealistische Vorstellung, aber das soll ja nicht das Thema sein.

Wenn ich über den (Ost-) deutschen Tellerrand hinausblicke, dann begegnet mir gerade überall auf der Welt das Problem, dass rechtes und verachtendes Gedankengut Macht und Erfolg verspricht.
Betrachte ich die Geschichte der Menschheit, sehe ich Gewalt, Neid, Besitzstreben, Respektlosigkeit und Leid. Wir haben es also nicht mit einem neuen Phänomen zu tun. Aber wir sind die Generation, die das unglaubliche Geschenk von Frieden und Wohlstand mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Somit sind wir auch die Generation, die erfahren hat, dass es möglich zu sein scheint, in einem demokratischen, diplomatischen und um Versöhnung bemühtem System zu leben. Wohlgemerkt, wir in Europa. Wohlgemerkt, wir in Deutschland. Es war uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden und die Unachtsamkeit und Bequemlichkeit, die dies zur Folge hatte, die fliegt uns gerade um die Ohren und vergiftet das Miteinander.

Die Frage, wie wir mit den Bürgern umgehen sollen, die unsere bisher anscheinend stabilen Werte ins Klo hinunterspülen, beschäftigt viele, die dies nicht hinnehmen wollen. Ich habe viele Jahre meines Lebens damit verbracht, im Kontakt mit den „Abgehängten“ neue Wege aufzuzeigen und diese gemeinsam mit ihnen zu beschreiten. Für mich gab es sie schon immer, die irrationalen, egoistischen, gewaltbereiten und inhumanen Zeitgenossen, die „denen da oben“ die Verantwortung für ihr vermeintliches Elend gegeben haben.
Nur jetzt beschränkt sich diese Opferwelt nicht mehr auf ein Stadtviertel, nicht mehr auf eine Kneipe, auf den Platz vor dem Sozialamt. Sie bewegt sich im Netz. Sie bewegt sich in einer Welt, in der sie kotzen, pöbeln, unreflektiert Dummheiten verbreiten kann und wie ein Krebsgeschwür wachsen kann. Wir haben da keinen Zugang mehr.

Die Afd bedient dieses Bedürfnis nach Macht ohne Wissen, nach Macht ohne Ansprüche. Also was tun? Den Stecker ziehen und das Netz ausschalten. Unrealistisch. Im Gespräch bleiben? Da stoßen wir auf Abwehr und Desinteresse, logischer Weise.
Was uns bleibt ist aber, sich zu positionieren, keine Angst vor Klarheit, Konfrontation und deutlichem Engagement zu zeigen, uns gegenseitig zu stärken und den bisher gemütlich auf dem Sofa sitzenden Mut zu machen, für ihre eigentlichen Werte aufzustehen. Wir müssen sofort in den Schulen und Kitas dafür sorgen, dass sich der Wert einer demokratischen Gesellschaft in den Köpfen und Herzen unserer Kinder positiv verankert, dass sie lernen, dass Kommunikation und Empathie mindestens ebenso wichtig sind wie Mathematik und Grammatik.
Lasst eure Mitmenschen wissen, was dieses Leben in einer friedlichen Welt uns bedeutet, lasst sie wissen, dass ihr euch um das Klima sorgt und um die Zukunft eurer Kinder. Bietet der Dummheit die Stirn und zeigt, wieviel Spaß das Denken macht. Vor kurzem hat ein alter Freund mir gesagt: „Ich habe keine Lust auf Politik!“ „Es gibt keine Gesellschaft ohne einen politischen Hintergrund und es ist keine Frage der Lust. Sich nicht zu positionieren, keine Verantwortung übernehmen zu wollen, ist ebenfalls eine politische Reaktion und Aktion!“ habe ich geantwortet.

Ich denke, also bin ich. Lass ich andere denken, bin ich ein Wesen, das letztendlich in der Bedeutungslosigkeit verharrt.
Motivieren wir die Anhänger der Afd zu denken, heute und jetzt. Auch wenn dies zugegebenermaßen schwierig ist. Aber dafür können wir uns ja stärken, gemeinsam

HERBERT GRÖNEMEYER in der Arena Gelsenkirchen (07.09.19)

Das Ruhrgebiet feiert HERBERT und sich selbst!

Wenn ich über dieses Konzert schreibe, dann will ich zwischen drei Aspekten unterscheiden: Einmal geht es um das Phänomen „HG“ bzw. das Zelebrieren desselben, dann geht es um die Qualität eines Pop-Konzertes und schließlich – ich kann das nicht ganz vermeiden – soll auch ein kurzer Vergleich mit dem kürzlich besuchten LINDENBERG-Konzert erfolgen.

Der erste Punkt erklärt sich fast von selbst: Was sollte ein Auftritt mitten im Ruhrgebiet für HG und seine Fans anderes sein als eine riesige  Party unter guten Freunden?! Man kennt sich, man mag sich, man weiß, wie man denkt und man singt zusammen die allseits bekannten Lieder.
Was könnte da schief gehen? HG zeigt sich erwartungsgemäß ergriffen; in zunehmendem Maße gewinnt man den Eindruck, dass aus der zunächst eher formelhaft wirkenden Begeisterung über die Resonanz aus dem Publikum eine echte Emotionalität entsteht. Gut zu verstehen, wenn einem Zigtausende zu Füßen „liegen“ und sie die eigenen Texte auch ohne Begleitung intonieren können.
So wird dann nach dem ersten – rein theoretischen – Konzertende die Sache dann endgültig zu einem echten Fest: Das Publikum will nicht gehen und der Künstler will nicht aufhören. Man weiß zwar im Grunde, dass das Programm bis zur letzten Minute so konzipiert wurde, aber es fühlt sich so an, als ob die letzte Stunde sich aus der perfekten Interaktion zwischen HG und seinem Publikum ergeben hätte. In ein paar Momenten war es tatsächlich auch so, weil HG Impulse aus dem Publikum aufgreift; das sind die ganz warmen Momente der großen Gemeinschaft.

Und war es – nüchtern betrachtet – auch ein „gutes“ Konzert?
Ich begebe mich schon mit dieser Frage auf dünnes Eis. Es waren doch ganz offensichtlich alle begeistert – was soll dann die Frage überhaupt?! Ist das nicht schon fast Gotteslästerung?
Ich sage es trotzdem ganz ehrlich: Ich habe auch schon in sehr großen Hallen deutlich besser ausgesteuerte Sounds gehört. Die Klangqualität – sowohl bzgl. Musik als auch stimmlich – war maximal durchschnittlich. Ein klarer, transparenter Sound war – wenigstens in meinem Sitzplatzbereich – nur in den leisen, sparsamer intrumentalisierten Stücken zu genießen. Sobald es komplexer und lauter wurde, war der Klang etwas breiig, manchmal auch eher dumpf. Das tat zwar der Stimmung offensichtlich keinen Abbruch, ist aber angesichts der Eintrittspreise eigentlich nicht angemessen.
HG war insgesamt deutlich angeheisert; bei einzelnen Stücken führte das – in Kombination mit den Soundschwächen – dazu, dass man die Texte wirklich nicht mehr verstand.
Eher sympathisch (weil menschlich) waren kleine Schnitzer, die man bei den durchperfektionierten Mammutkonzerten gar nicht mehr gewohnt ist (ein verpatzter Liedbeginn und eine falsche Ansage; geschenkt!).

Und der Vergleich zwischen zwei der ganz großen, seit Jahrzehnten erfolgreichen deutschen Sangeskünstlern?
Mein Punkt ginge an UDO. Aber – ich gebe es zu – die Bewertung ist nicht gerecht. UDO (und sein optisches Spektakel) konnte ich in einer deutlich kleineren Halle und dann noch recht dicht an der Bühnenrampe genießen.
Sehr wahrscheinlich hätte HERBERT unter diesen Bedingungen auch noch wesentlich dichter und präsenter gewirkt als durch das Filter der räumlichen Distanz.

Also: Toll, dabei gewesen zu sein! HG und Ruhrgebiet waren – wie immer – eine perfekte Paarung.
Möglicherweise werde ich aber in Zukunft noch etwas zurückhaltender bzgl. Konzerten in Groß-Arenen sein. Ich mag es einfach, wenn man dem Schlagzeuger beim Spielen zugucken kann…

„Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch“ von Abbas KHIDER

Es gibt nette Menschen, die schenken mir – ohne jeden Anlass – zwischendurch ein Buch, weil sie denken, dass es mich interessieren könnte.
Über so ein Buch schreibe ich jetzt, weil ich es – so zwischendurch – gestern Abend und heute früh gelesen habe.

Es geht mal nicht um Nachhaltigkeit oder Literatur. Es geht um die Sprache selbst. Explizit um die deutsche Sprache. Und zwar aus Sicht eines aus dem Irak stammenden Intellektuellen, der sich zunächst als betroffener Fremdling, dann als Profi (Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Deutschland) mit den Besonderheiten des Deutschen auseinandergesetzt hat.

Das Ergebnis ist ein kleines Juwel.
Mit dem Lesen gewinnt man ein anderes (tieferes) Verständnis der eigenen Sprache, einen Einblick in die Mühen, Deutsch als Fremdsprache zu lernen und ein Gefühl dafür, wie man sich als hochintelligenter und gebildeter Mensch ausländischer Abstammung in diesem unseren Lande fühlt.
Lehrreich, amüsant und auch ein wenig verstörend.

Die – sehr kreative Grundidee: Der Autor schlägt eine recht durchgreifende Vereinfachung der grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache vor. Aber nicht so ganz allgemein, sondern ganz konkret. Er liefert nicht weniger als eine neue Grammatik, die das Erlernen (und die Anwendung) dieser Sprache enorm vereinfachen würde.
Er tut das mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit – wohl wissend, dass seine Anregungen ganz sicher nicht umgesetzt werden. Es ist also eine augenzwinkernde Ernsthaftigkeit. Er entwickelt so etwas wie eine sprachliche Utopie, die aus dem „Monster“ (deutsche Sprache) eine bezwingbare Herausforderung machen könnte.

Es geht um Deklinationen, um Pronomen, um Adjektive, um Satzstellungen, um Verbformen.
KHIDER analysiert die unlogischen Kompliziertheiten und macht Alternativvorschläge. Das hört sich sehr trocken und nur mäßig relevant an – wie ein rein theoretischer Beitrag zur Germanistik.

Es gibt jedoch – wie schon angedeutet – zwei Mehrwerte (angeblich gibt es den Plural nicht; ich benutzte ihn trotzdem; Sprache muss sich auch entwickeln…):

1.  Natürlich verfolgt der Autor ein verstecktes Ziel – so denke ich wenigstens. Dadurch, dass er die Ungereimtheiten unserer Sprache entlarvt (um sie vermeintlich zu beseitigen), erklärt er die geltende Grammatik auf eine unterhaltsame Weise. Sozusagen über Bande gespielt. Er legt die Strukturen unter ein Vergrößerungsglas und macht sie so bewusst – auch den Lesern, die sich an ihre letzte Deutschstunde nur mit Mühe erinnern können.

2.  KHIDER versteht es, seine sprachanalytischen Betrachtungen mit seinen Erlebnisse als Neuankömmling bzw. als inzwischen längst integrierter „Fremderscheinender“ in humoristischer Weise zu vermischen. Man bekommt einen Eindruck, wie ein Mensch, der (ca.) 95% der ihm begegnenden Deutschen intellektuell weit überlegen ist, sich in diesen Interaktionen fühlt. Dabei fällt kein böses Wort. Der Autor liebt die sanfte, ironische Darstellung – selbst wenn es um Rechtsradikale geht.

Also: Ein Büchlein, das man mit Genuss liest, wenn man Sprache mag und einen ungewohnten Blick auf den holprigen Weg der Integration werfen will.

Wie umgehen mit AfD-Wählern?

Ich bin am Beginn dieser Ausführungen etwas unsicher, ob ich meine Gedanken so formulieren kann, dass sie sich für eine Veröffentlichung eignen. Ich will es versuchen.

Etwa ein Viertel der ostdeutschen Wähler steht hinter der AfD. Das kann man nicht mehr ignorieren. Was bedeutet das für einen links-liberal-grünen Akademiker aus der Psycho-Szene, der davon überzeugt ist, dass sein aufgeklärtes Weltbild den meisten anderen Sichtweisen überlegen ist, weil es sich auf Humanismus, Wissenschaft und Rationalität gründet?

Am Anfang eine grundsätzliche Frage: Darf man wirklich bedauern, dass durch die AfD jetzt eine Gruppe von Menschen ein Sprachrohr bekommen hat, die sich vorher kaum politisch artikuliert hat? Ist es nicht ein Zugewinn an Demokratie, wenn diese Meinungen und Haltungen jetzt sichtbar werden und dadurch ein (legitimes) Gewicht bekommen?

Mir fällt eine Antwort auf diese Frage nicht leicht. Ganz persönlich (emotional) empfinde ich es geradezu als eine Zumutung, jetzt permanent (insbesondere in den Medien) mit Aussagen und Einstellungen konfrontiert zu werden, die ich (aus meiner Perspektive) nur mit mangelnder Informiertheit, fehlender (kognitiver) Differenziertheit und/oder einem kaum tolerierbaren (rechten) Menschenbild zu erklären sind.
Ich gebe es zu: Am liebsten hätte ich, dass es diese Meinungen/Haltungen gar nicht geben würde. Weil alle Menschen über ausreichende Bildung, „echte“ Informationen und ein menschenfreundliches (empathisches, solidarisches) Grundempfinden verfügen würden. Am liebsten hätte ich nur solche Menschen um mich, in diesem Staat, auf der ganzen Welt.
Es quält mich geradezu, dass das nicht so ist. Und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass  – wenn es diese „anderen“ Menschen schon so zahlreich gibt – sie dann wenigsten unsichtbar und ohne Einfluss bleiben sollten.

Meine ich wirklich alle Menschen, die andere politische Einstellungen und Ziele haben als ich?
Natürlich nicht!
Ich habe nichts gegen Mitbürger, die einem konservativ-traditionellem Familienbild nachhängen, die z.B. die Ehe nur als Verbindung von Mann und Frau betrachten und weiterhin zwei Geschlechter für ausreichend halten. Ich verstehe Menschen, die das mit der Gender-Sprache für übertrieben halten und es als störend erleben, dass Deutsch immer stärker verenglischt wird (ich spreche bewusst nicht von Anglizismen). Von mir aus dürfen Menschen sich für Traditionen und Gewohnheiten einsetzen, die mir mehr als überholt vorkommen.
Ich kann auch verstehen, dass Menschen ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben; dass sie es aufregt, wenn ganze Straßenzüge zu (scheinbar?) rechtsfreien Räumen werden und blutjunge Migranten (vermutlich Drogendealer oder Zuhälter?) mit ihren aufgemotzten BMWs den Mini-Rentner von der Straße scheuchen.
Ich kann sogar nachvollziehen, dass Bezieher von Hartz 4, die sich vom Sozialamt gegängelt fühlen, sich maßlos darüber ärgern, das Flüchtlinge ohne Bleiberecht oft jahrelang aus öffentlichen Kassen finanziert werden, weil man sie (nach geltenden Regeln) nicht abschieben kann.

Genug der Beispiele.
Ich will sagen: Es geht mir nicht darum, eher „ungeliebte“ Einstellungen (möglicherweise auch Vorurteile) zu entsorgen oder zu pathologisieren.
Ich kann nur nicht begreifen und tolerieren, dass solche (und ähnliche) konservative Sichtweisen scheinbar so problemlos ausfransen und sich mit einem rechts-ideologischen Welt- und Menschenbild vermischen, das einem manchmal den Atem raubt.
Wie kann es sein, dass der Weg scheinbar so kurz ist von dem „Bewahren“ (traditioneller Werte) zu einer wut- und hasserfüllten Menschenfeindlichkeit gegenüber denen, die vermeintlich nicht dazugehören (wegen Abstammung, Hautfarbe, Religion, usw.)?
Wie kann es sein, dass Menschen ihren ganz persönlichen Anstand verlieren und es sie plötzlich nicht mehr stört, sich bei Rechtsradikalen und Neonazis einzureihen, die selbst vor offenem Rassismus und  einer Relativierung der Nazi-Gräuel nicht zurückschrecken?

Anständige Konservative gehen diesen Weg auch nicht!
Es muss also etwas anderes dazukommen als nur die Abgrenzung vom „grün-liberalen-intellektuellen“ Mainstream.
Und das macht es schwierig.  Und so schwer zu bewältigen. Und so schwer auszusprechen.
Es gibt offenbar in unserer Gesellschaft – in einem weit unterschätzen Maße – einen Bodensatz von Haltungen, die zutiefst antidemokratisch, anti-aufklärerisch, autoritär, irrational, wissenschaftsfeindlich, unsolidarisch, extrem egoistisch, ignorant, gewaltbereit und inhuman sind. Die Menschen mit solchen Einstellungsmustern leben unter uns – in der Regel aber nicht in unseren (persönlichen) Kreisen. Wir nehmen sie im Alltag kaum wahr.
Auch (natürlich nicht nur) diese Menschen fühlen sich aber durch die AfD vertreten. Und genau das schmerzt und macht es so schwer, mit der AfD wie mit jeder anderen Partei umzugehen. Weil diese Menschen nicht zufällig oder ungewollt Teil der Wählerschaft sind, sondern sie – zumindest von einem Teil der Partei – nicht nur eingeladen, sondern geradezu ermutigt und hofiert werden.

Ich will nicht, dass diese Gruppe jetzt zum Ziel der Bemühungen der anderen Parteien – und damit letztlich noch bedeutsamer und einflussreicher – wird.
Solange sich die AfD nicht von diesen Menschen (und dem eigenen rechtsextremen Flügel) abgrenzt, muss man sich eben von der ganzen Partei abgrenzen. Das ist nicht die Schuld der ach so arroganten Altparteien, sondern liegt in der Verantwortung der AfD selbst.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Nein, ich möchte nicht, dass eine bestimmte Gruppe dieser „unanständigen“ Rechten eine politische Vertretung hat. Sie soll möglichst keine Aufwertung und keinen Zulauf bekommen.
Ich hoffe, dass möglichst viele junge, gebildete, weltoffene und solidarische Menschen nachwachsen und dazu beitragen, dauerhaft ein sicheres Gegengewicht zu bilden.

„Die smarte Diktatur“ von Harald WELZER

Ist es wirklich sinnvoll, immer mehr von PRECHT, HÜBL, HARARI, LESCH, YOGESHWAR oder eben WELZER zu lesen? Also immer genauer zu erfahren, welche Trends und Risiken unsere nahe und fernere Zukunft bereithält?
Ich weiß nicht ob es sinnvoll ist; mir bringt es immer wieder auch Vergnügen (neben den Bedrohungsgefühlen, die auch ausgelöst werden): Ich kann meine eigenen Positionen ausdifferenzieren und meine Argument schärfen. Neue Teilperspektiven runden das Bild ab.
Offen bleibt, wie weit solche verfestigten Überzeugungen zum Handeln führen (ein paar Klima-Demos waren es immerhin inzwischen).

Was bietet nun WELZER in diesem Buch (aus dem Jahre 2016)?

Nun, wie der Titel nahelegt, konzentriert er sich auf einen Aspekt der vieldiskutierten Mega-Trends: die Digitalisierung.
Er tut das in einer sehr pointierten Weise: Er nimmt ganz eindeutig Partei und besetzt die Rolle des Mahners und Warners. Er will noch mehr: WELZER will auch aufrütteln, aktivieren, zum Widerstand mobilisieren. Weil er konkrete Gefahren erkennt – nicht in einer nahen oder fernen Zukunft, sondern aktuell, hier und heute.
Diese Gefahren umfassend zu beschreiben, ist sein Ziel; dafür zieht er alle ihm zur Verfügung stehenden Register. Das zu lesen – die Bewertung schon mal vorweg – war für mich äußerst anregend und gewinnbringend, und zwar mehr als ich das (bei diesem Thema) ursprünglich erwartet hatte.

Für Menschen wie mich (und das gilt wohl für mein gesamtes Umfeld) ist WELZER einer von den Guten: überzeugter Demokrat, weltoffen und liberal, solidarisch und umweltbewusst. Er ist auf der einen Seite Kind eines antiautoritären Zeitgeistes (Jahrgang 1958, natürlich ein bisschen spät für die 68iger), sieht aber in handlungsfähigen staatlichen Institutionen (einschließlich der Sicherheitsdienste) eine notwendige Voraussetzung zum Erhalt von persönlicher Freiheit.
So weit, so „richtig“!
Er bringt nur eine Eigenschaft mit, die mir den Zugang zu seinen Überlegungen potentiell hätte erschweren können: Er hat keinerlei persönliche Affinitäten zu der digitalen „Wunderwelt“. Er kennt also nicht den speziellen Reiz, den digitale Hilfsmittel – insbesondere konzentriert in den aktuellen Smartphones – ausüben können. Er ist nicht fasziniert vom Funktionieren. Für ihn kann zwar digitale Technik nützlich und dienlich sein, sie besitzen aber keinen „Eigenwert“. WELZER guckt lieber seinem Kater beim autonomen Leben zu als auf das Display eines Google- oder Applegerätes.
Diese Kröte hatte ich also zu schlucken: Ich musste mich jemandem argumentativ anvertrauen, der die eigenen Ambivalenzen nicht teilt.

Hut ab! WELZER hat mich „eingefangen“. Auf der Überzeugungsebene, nicht auf der Handlungsebene. Ich werde mein Smartphone nicht abschaffen und auch nicht fast alle Apps deinstallieren. Aber ich werde bewusster beobachten, mich und andere.

Komische Rezension! Man weiß immer noch nicht, was eigentlich in dem Buch steht.
Ihr habt ja Recht!

Ich will motivieren, dieses Buch zu lesen; gleichzeitig weiß ich, dass nur die wenigsten dazu kommen werden. Deshalb hier ein paar Grundthesen:

  1. Die vermeintlich so innovativen und fortschrittlichen Digital-Konzerne bzw. ihre Gründer und Propheten lösen ihre Versprechen nicht ein: Statt der immer perfekteren neuen Welt (mit immer „unbegrenzteren“ Möglichkeiten) bieten sie eine neue Extremvariante hinsichtlich der Konzentration von Reichtum und Macht (letztlich auch politischer) in sehr wenigen Händen.
  2. Die angeblich so „smarte“ digitale Welt verbraucht nicht nur selbst ungeheure Mengen an Ressourcen und Energie, sondern hält steht fast ausnahmslos im Dienste einer weiter ungebremsten Wachstums- und Konsummaschinerie. Sie ist damit nicht die Lösung für die großen Menschheitsaufgaben (z.B. Klima), sondern ein Teil des Problems.
  3. Die von den Nutzern der digitalen Angebote (also Suchmaschinen, Internetshopping, Vergleichs- und Bewertungsportale, Facebook & Co, …) freiwillig gelieferten Daten schaffen eine zutiefst antidemokratische Macht in den Händen der Datensammler und -auswerter.
  4. Die digitale Glitzerwelt der immer ausgefalleneren Gadgets verschleiert den Blick dafür, dass die wesentliche Dinge  des Lebens (Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Wohnen, Gemeinschaft und Liebe) hoffnungslos analog sind – und bleiben werden.
  5. Die (freiwillige) Offenlegung der ganz persönlichen Vorlieben, Wünsche und Ziele (z.B. bei Amazon) greift langfristig auf eine kaum zu überschätzende Art die Privatheit eines jeden Menschen an. Dinge für sich oder in einem vertrauten Kreis zu halten, kommt unmerklich völlig aus der Mode.
  6. Während bei uns (z.B. in Europa) die digitale Revolution mit alle ihren Kontroll- und Überwachungsoptionen auf eine entwickelte Zivilgesellschaft stößt, in der es zumindest einen Basis-Schutz durch Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung gibt, ergeben sich für die noch (oder wieder) autokratisch regierten Staaten unglaubliche Möglichkeiten, von denen frühere Diktaturen nicht zu träumen wagten.

Das mag als Kostprobe reichen. Man merkt: Es geht um den drohenden Verlust unserer Identität als autonome Bürger mit einer geschützten Privatheit. Es geht um die freiwillige Aufgabe der so hart erkämpften Freiheitsrechte im Tausch gegen eine letztlich belanglose Konsum- und Spielwelt, die kaum ein wirklich menschheitsrelevantes Problem zu lösen vermag.

Noch ein paar Worte zu den Konsequenzen:
Prinzipiell ganz einfach: WELZER will gerne die digitale Technik nutzen. Er will nur vorher (demokratisch) entscheiden, was denn bitte die angestrebten Ziele sind. Er glaubt nicht daran, dass sich schon die richtigen Ziele herausbilden, wenn man nur der Technik den ungebremsten Raum gibt.
WELZER will und anregen, weniger Daten zu liefern (und wenn, dann eher systemverstörende).
Der Autor denkt, dass es Zeit ist, schon jetzt aktiv zu werden. Er hat eine Sympathie für Aktionen, die mit Spaß und etwas Anarchie für eine Gegenwelt eintreten. Er möchte, dass der Prozess des Engagierens schon ein Teil der Lösung ist.

Schlusswort:
Das Buch konnte „Fridays for Future“ nicht mehr berücksichtigen. WELZER hätte diese Bewegung sicher als bespielhaft gewürdigt (auch wenn es hier nicht um das Digitale geht).
Ich bin nicht in allen Aspekten ganz seiner Meinung. Ich sehe nicht in jeder Überwachungskamera auf Bahnhöfen eine Gefahr für die Demokratie. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob es wirklich antisolidarisch ist, wenn sich ein bestimmtes Risikoverhalten auf Krankenkassenbeiträge auswirkt.
Solche Details wären sicher zu diskutieren.
Genauso wie die Tatsache, dass bestimmte technische Möglichkeiten nicht nur Spaß machen, sondern auch schöpferische und kreative Möglichkeiten wecken. Nicht jeder muss Freude daran finden, seinen Kater zu beobachten.

Immer wieder Klima: Wie die beiden Seiten sich immer weiter entfernen

Man kann sich als Konsument von Print- oder Internetjournalismus (ich empfehle dringend ZEIT-online) täglich mit neuen Fakten und Perspektiven rund um die Klimafrage versorgen. Manche tun das auch. Das führt dazu, dass diese Gruppe der Interessierten und Besorgten nicht nur über immer mehr Informationen verfügt, sondern inzwischen auch all die emotionalen und psychologische Mechanismen kennt, die Menschen (übrigens auch sie selbst) davon abhalten, die volle Dramatik an sich heranzulassen und (noch) konsequenter zu handeln.

Dieser Gruppe, der auch noch laufend ganz aktuelle Entwicklungen und Befunde weitere Gewissheit verschaffen, steht eine buntgemischte Gruppe von Skeptikern, Verharmlosern, Leugnern und Ignoranten gegenüber. Dieser Seite des Spektrums bleibt allerdings nicht viel mehr, als sich in der Position einzugraben – inhaltliche Verstärkung durch Fakten will einfach nicht kommen…

Was können sie tun? Nun, man könnte den Klima-Mahnern ja einfach immer wieder vorwerfen, dass sie die bessere Moral für sich reklamieren würden. Damit hat man sie ja offensichtlich als arrogant entlarvt und ins Abseits gedrängt.
Was für ein Unsinn! Warum und wie sollte man die Moral ausgerechnet aus Themen heraushalten, bei denen es um die Zukunft der Menschheit, zumindestens aber um Klima- und Generationengerechtigkeit geht?! Was – bitte – wäre denn moralisch relevanter?
Ja, die Klimaschützer haben die Moral auf ihrer Seite! So (schockierend) einfach ist das!
(Und wer dagegen rechnet, dass die Verteuerung bestimmter Produkte oder Aktivitäten ja sozial unausgewogen sei, der hat einfach die Dimension der Problematik noch nicht erkannt. Sorry.)

Spannend ist auch, mit welchem Engagement sich auf einmal Menschen, denen der Schadstoffausstoß ihres SUV bisher ziemlich schnuppe war, über die (tatsächlich noch vorhandenen) Schwachpunkte der Elektro-Mobilität informieren. Und wie gut diejenigen, die sonst an Wissenschaft erstmal zweifeln, die Zahlen kennen, die den potentiellen eigenen (deutschen, europäischen) Beitrag zur CO2-Reduktion – bezogen auf die globalen Verhältnisse – so eindrucksvoll relativieren.
Die Sorge um die Privilegien des eigenen klimaschädlichen Lebensstils motiviert schon ein wenig…

Zurück zum Grundgedanken. Kann man verhindern, dass die beiden skizzierten Gruppen immer weiter auseinander driften und damit vielleicht mittelfristig auch ein gefährlicher gesellschaftlicher Spannungsbogen entsteht?

Es geht wohl nur so, dass alle Kanäle genutzt werden, Informationen und Entscheidungsnotwendigkeiten so zu vermitteln, dass sie verstanden und angenommen werden können. Die Bild-Zeitung muss ran, die Familien-Shows im Fernsehen, die Nachrichtensendungen bei den Privaten.
Die Kinder und Jugendlichen tun schon ihr Bestes – allerdings wohl meistens in schon vor-aufgeklärten Familien.
Und eigentlich sollten Viel-Leser wie ich lieber in die Fußgängerzonen gehen und zusammen mit den Aktivisten andere Menschen überzeugen – statt jeden Tag die eigene Gewissheit durch intellektuell brillante Analysen noch zu vertiefen. Vielleicht kommt das ja auch noch…

Vermutlich kommt vor der Fußgängerzone das Nahumfeld. Ich lasse seit einigen Monaten keine (!) Gesprächssituation ungenutzt, viele andere tun das auch. Wir brauchen das nicht den Kids zu überlassen!

Bleibt die Frage: Wann wird es zuviel? Was ist mit Übersättigung und Reaktanz? Mit Gewöhnung und Langeweile?
Vielleicht kommt dann die Stunde der guten Beispiele, der erfolgreichen Experimente, der schon funktionierenden Modelle.

Aber wie schützt man sich gegen Frust und Resignation, wenn woanders auf diesem Planeten Dinge passieren oder entschieden werden, deren Auswirkungen die eigenen Bemühungen millionenfach übersteigen?
Nun, es ist schlichtweg – und hier passt der vielgeschmähte Begriff – alternativlos, sich weiter zu bemühen. Um eigene Konsequenz, um politische Einflussnahme, um moralischen Druck der Weltöffentlichkeit.
Nicht jede/r muss eine Greta werden. Niemand ein Öko-Heiliger oder gar ein Fundamentalist.
Was ich aber von aufgeklärten und denkenden Menschen erwarte: die Kräfte und Bestrebungen zu unterstützen, die sich für eine rasche und konsequente Umsteuerung unseres Wirtschaftens, unserer Mobilität, unserer Landwirtschaft und unseres Konsums (Ressourcenverbrauch) einsetzen.
Nicht nur, aber auch, weil es langfristig auch die wirtschaftlich/finanziell überlegene Alternative ist.

„Die aufgeregte Gesellschaft“ von Philipp Hübl

Schon wieder ein Sachbuch!
Warum tue ich mir das an, statt – zumindest auf Reisen – mal Zerstreuung in einem gut geschriebenen Krimi zu suchen?
Nun, ich habe das gelegentlich versucht, dann eher mit Science-Fiktion als mit Krimis. Einige davon sind in anderen Blogbeiträgen auch besprochen.
Aber meine Erfahrung ist: Für mich ist nichts anregender oder spannender als durch ein didaktisch gelungenes Sachbuch neue Perspektiven auf die Welt geöffnet zu bekommen und diese damit wieder ein kleines Stück besser verstehen zu können. Mit diesem Genuss können die üblichen Unterhaltungsliteratur-Genres nur in Ausnahmefällen mithalten.

In diesem Sinne und nach diesem Anspruch ist das hier besprochene Buch ein „großer Wurf“!
Es verbindet in einer – für mich beeindruckenden Weise – psychologische, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnisse zu einem griffigen Modell, das einen erstaunlich breiten Erklärungswert aufweist und dabei insbesondere auf brandaktuelle Themen fokussiert wird.

Das größte Problem an diesem Buch ist der Titel. Er gibt nur einen minimalen  Hinweis auf die tatsächlich behandelten Themen. Er täuscht den potentiellen Käufer/Leser – allerdings nicht, weil er zu viel, sondern weil er zu wenig verspricht.
Mein Vorschlag würde z.B. lauten: „Wie Moralpsychologie und
-philosophie politische und gesellschaftliche Trends erklären können“.
(Dann erübrigt sich natürlich der Untertitel).

Genau darum geht es nämlich. Der Autor entwickelt – auf der Basis der „Moralwissenschaften“ ein Schema bzw. eine Schablone, die sich ziemlich gut dazu eignet, – auf den ersten Blick – ganz unterschiedliche Phänomene zu verstehen.

Bzgl. der Grundfrage, ob Moral (und die daraus abgeleiteten politischen Überzeugungen) ihre Basis eher in den Emotionen oder in vernunftbasierten Abwägungen haben, schlägt sich HÜBL zunächst ganz klar auf die Seite der gefühlsmäßigen Reaktionen bzw. Bewertungen.
Er identifiziert insgesamt sechs relevante emotional verankerte Grundtendenzen. Drei davon (Fürsorge, Fairness und Freiheit) ordnet eher einem „progressiven“ Weltbild, die drei anderen (Autorität, Loyalität und Reinheit) sind für ihn Ausdruck einer konservativen Grundeinstellung.
Das hört sich vielleicht (zu)  einfach an, entwickelt sich aber  im Laufe des Buches zu einem extrem hilfreichen, facettenreichen  und plausiblen Ordnungsprinzip.

Der Autor schaffte es tatsächlich, mit diesen Grundfarben einen erstaunlich großen Ausschnitt der  – so komplexen und unübersichtlichen – Welt so zu kolorieren, dass sich neue und gut strukturierte Bilder abzeichnen.  Immer wieder denkt man: „Ja, das ist stimmig; genau so könnte man das sehen!“

Ich muss mich bremsen! Am liebsten würde ich hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Argumentationsstränge darbieten. Aber das wäre schade!
Ich will zum Lesen dieses Buches motivieren und keineswegs den Eindruck erwecken, dies hätte sich durch eine ausführlichen Rezension erübrigt.
Vielleicht beispielhaft nur eine Facette: Spannend sind die – für mich überraschenden – Zusammenhänge zwischen dem Gefühl „Ekel“ und bestimmten moralischen Regeln und Haltungen (diskutiert unter der Überschrift „Reinheit“).

Das Selber-Lesen lohnt sich auf deshalb unbedingt, weil der Autor auch ein guter Didaktiker ist. Er schreibt wie ein erfahrener Wissenschafts-Journalist, strukturiert, stellt Zusammenhänge her, fasst zusammen.
Einfach toll!

Ja, ein persönliches Anliegen treibt den Autor auch um. Besser gesagt, zwei.

Einmal holt HÜBL die zu Beginn etwas in den Hintergrund gedrängte Vernunft und die darauf basierenden „autonomen“ Entscheidungsmöglichkeiten des Menschen am Ende in sein Gesamtbild hinein. Das stimmt ihn letztlich hoffnungsvoll, weil es Weiterentwicklung ermöglicht – individuell und gesellschaftlich.

Etwas konkreter – und aus meiner Sicht geradezu in perfekter Weise – macht der Autor im Schlussteil deutlich, dass er die verschiedenen moralischen Grundreaktionen keineswegs nur mit wissenschaftlicher Neutralität betrachtet. Seine Sympathie für eine offene, freiheitliche und von der Tendenz eher „weibliche“ Zukunftsperspektive wird aber natürlich auch nachvollziehbar aus den Befunden abgeleitet.
Und es ist geradezu ein Genuss, die Zusammenhänge zwischen autoritären bzw. rechtslastigen Einstellungen und eines stark auf emotionale Reaktionen reduzierten moralischen Urteils so überzeugend dargeboten zu bekommen.
Hier wird das, was man schon immer dazu gefühlt und gedacht hat, wirklich toll zusammengefasst. Unideologisch und nachvollziehbar.
Wer etwas nachdenkt (nachdenken kann), landet nicht im rechts-autoritären Sumpf! (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ach ja; ein guter Rezensent findet immer etwas Kritisches.
Nun: Wie jedes Ordnungsschema ist auch das von HÜBL nicht perfekt oder gar „wahr“. Manches wird vielleicht zu schnell „passend“ gemacht. Geschenkt!
Ich würde sofort gerne ein besseres und überzeugendes Buch über diese Thematik lesen, wenn es das denn gäbe.
Ich bitte um Hinweise!

Übrigens: Den Zugang zu dem Buch hat mir der Auftritt des Autors im „Philosophischen Radio“ bei WDR 5 geschaffen.

 

 

 

 

UDO LINDENBERG in Oberhausen (09.07.19)

Nach meiner positiven Sichtweise auf die neue LINDENBERG-Album (MTV 2) war der Schritt zu einem Konzert-Besuch nicht mehr weit. Glücklicherweise wurde mir die Karte (inkl. Begleitung) geschenkt, so dass wirklich nichts meinem – insgesamt sechsten – Live-Act von Udo entgegenstand. Übrigens verteilt auf 46 Jahre…

Ich will nicht lange darum herumreden: Es war perfekte Unterhaltung für Auge, Ohr und Herz!

Nachdem man im Vorjahr in der Presse bezogen auf die große Udo-Stadion-Tournee schon Zweifel angemeldet hatte, ob sich der gigantische Aufwand dieser Show überhaupt rechnen könne, war ich etwas besorgt: Sollte uns etwa in dieser – eher kleinen – Arena ein Spar-Konzert drohen? Alles irgendwie abgespeckt?
Die Zweifel wurden mit dem Auftakt-Feuerwerk optisch und akustisch weggeblasen! Was dann für über zweieinhalb Stunden passierte, kann man nur als einen Overkill an Reizen aller Art bezeichnen. Immer bot sich auf der Bühne und ihrer in den Innenraum verlängerte Rampe geradezu eine Orgie an Bewegung, Effekten, Farben und Kostümen. Gefühlt waren es mindestens 50 Darsteller aller Altersgruppen, die die Hauptmusiker und Sänger/innen optisch einrahmten und die jeweilige Thematik des Songs in opulente Bilder übersetzen. Für die Menschen, die – so wie ich – relativ nah am Bühnenaufbau standen, ergab sich sozusagen ein permanenter Wahrnehmungsstress:
Wohin sollte man schauen? Geradeaus auf die Rampe, auf der Udo und andere echte Menschen nur wenige Meter entfernt waren (und dabei – losgelöst von der Action der Hauptbühne – geradezu zerbrechlich wirkten)?  Oder auf die Bühne, auf der sich zeitweise eine bunte Wunderwelt entfaltete? Oder auf die
riesige Video-Leinwand, die nicht nur zusätzliche optische Effekte generierte, sondern auch die verschiedenen Ebenen zusammenführte? Puh…

Aber Udo wäre nicht Udo, wenn es nicht jede Menge „Message“ geben würde.
Drei Themenbereiche zogen sich durch den Abend:
– Die Friedensthematik lässt Udo nicht los. Es ist sein politischer Lebens-Schwerpunkt – aber er reichert ihn mit einer Prise „Fridays for Future“ an. Natürlich!
– Udo zelebriert auch immer ein Stück sich selbst, sein Leben(swerk). Längst hat er seinen Denkmal-Status offensiv zu nutzen gelernt und erzählt – in Worten und in Liedern – Teile seiner Biografie. Zeitgeschichte in Udo-Manie.
– Ja und dann gibt es die Panik-Familie. Dazu gehört nicht nur das gleichnamige Orchester, dessen Konstanz und Treue er nicht müde wird zu rühmen – sondern auch das gesamte Publikum. Udo unternimmt jede erdenkliche Anstrengung, ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen. Dabei bringt er alle persönlichen Bezüge zur Ruhrpott-Identität ins Spiel (irgendwann hatte der dann zu ziemlich alle Städte aufgezählt…).

Das alles ist  – aus meiner Sicht – sympathisch und nett.
Ja – es ist auch manchmal ein wenig dick aufgetragen und sicher findet man auch ein paar kitschige Elemente. So könnte man den gefühlvoll zelebrierten  Abschied aus dieser großen Oberhausen-Panik-Welt mit den zahlreichen Hinweisen, dass man sich bestimmt auch wiedersieht, sicherlich ein wenig straffen. Da geht es mit dem Udo wohl etwas durch – aber es sei dem 73-jährigen Pionier des deutschsprachigen Rocks verziehen.

Er will auch 2046 noch einmal wiederkommen!
Wenn er das schafft, versuche auch ich, dabei zu sein…

„1Q84“ von Haruki MURAKAMI (1 – 3)

Bildergebnis für 1q84

Was bringt jemanden dazu, einen Roman mit der Gesamt-Hörzeit von 47 Stunden innerhalb von ca. 3 Jahren ein zweites Mal zu hören?
Entweder handelt es sich um eine Stück genialer Literatur oder man unterliegt irgendeiner speziellen Sucht.
Ein wenig süchtig bin ich wirklich nach „meinem“ Japaner (dazu auch hier). Aber jetzt soll es um diesen besonderen Roman (von 2012) gehen.

Es ist nicht ganz einfach zu erklären, warum dieser dreiteilige Roman so lang ist. Die Handlung ließe sich sicherlich auf einen mittellangen Band komprimieren. Doch entspräche nicht dem Erzählstil von MURAKAMI.
Der Autor liebt die Redundanz. Er webt und lullt einen geradezu ein in diese sehr besondere Welt des Jahres 1984. Und diese Welt besteht – typisch MURAKAMI – aus zwei Ebenen: einer „realen“ und eine irgendwie „mystischen“.

Der Autor liebt das Spiel mit diesen beiden Dimensionen. Er betreibt es auf eine ganz besondere Weise: Er hat einen sehr nüchternen und sachlichen Erzählstil, liebt die Schilderung von Details und schafft durch die fast gebetsmühlenhafte Wiederholung von bestimmten „Kernaussagen“ einen vertrauten Rahmen, in dem die Geschichte und der Leser immer wieder ihren Halt finden. Ein bisschen so, wie das wiederholte Aufgreifen von Grundthemen in einem musikalischen Opus.
Das Raffinierte dabei ist, dass er auch die fantastischen, irrealen Aspekte seiner Geschichte so unaufgeregt und selbstverständlich erzählt wie normale Alltagsabläufe. So gewöhnt man sich als Leser auch an abstruse Gegebenheiten bzw. Abläufe und akzeptiert sie als irgendwie „echt“.
Das ist nicht zu vergleichen mit einem „Fantasy“-Stil. Es ist das geradezu lautlose Einschleichen der Irrealität in den ganz normalen Alltag – und der Autor schafft es, dass man jeden Widerstand dagegen unterlässt. Man gibt sich hin – auch weil man durch die Redundanz fast in eine Art meditative Trance verfällt.

Ach so. Worum geht es eigentlich?
Es gibt zwei Protagonisten, zwischen denen ein – fast unerträglich weiter – Spannungsbogen aufgespannt wird.
Der eine ist ein junger Schriftsteller (Autoren lieben es offenbar, über Autoren zu schreiben), der durch seine halb-legale Mitarbeit dazu beiträgt, dass der fantastische Roman eines jungen Mädchens zu einem Bestseller wird.
Die junge Frau ist eine Fitness-Trainerin, die als Nebenjob bestimmte krimineller Handlungen vollzieht – im Dienste einer guten Sache.
Die schon in der Kindheit vorhandene Verbindung zwischen den beiden wird in einem komplexen Plot miteinander verwoben. Und wie das Schicksal so spielt vollzieht sich das mithilfe der – ziemlich abgedrehten – Fantasy-Erzählung des jungen Mädchens, die in die echte Welt hineinsickert.
Man könnte auch sagen: Fiktion wird zur Realität, Realität zur Fiktion. Und dann noch mal kräftig durchschütteln!

Das Gemisch ist irgendwie einzigartig! Man liebt es oder man hasst es.

Wenn man dieses Buch gelesen und genossen hat, unterscheidet man sich von allen anderen  Menschen durch eine Besonderheit: Man weiß, was es bedeutet, einen zweiten Mond am Himmel zu sehen. Er ist das Symbol für die „zweite“ Ebene.

1Q84 fordert Ausdauer und Geduld. Es schenkt ein Leseerlebnis der besonderen Art.
(Wenn es mir vergönnt sein sollte, werde ich es vielleicht in zehn Jahren nochmal genießen).

ExtraSchicht 2019

ExtraSchicht ist Kult. Der Ruhrie feiert sein Gebiet.
Jeder, der versucht, diesem Ereignis (50 Spielorte in 24 Städten) gerecht zu werden, ist zum Scheitern verurteilt.
Das Hoppen von Location zu Location im Shuttle-Bus ist zwar integraler Bestandteil des Systems, kostet doch aber letztlich sehr viel der kostbaren Zeit. Es erlaubt allerdings Milieu-Studien über die Vielfalt der Menschen.
Dazu ein Eindruck: Es ist ein Festival des kultivierten Mainstreams. Irgendwie auffällige Randgruppen oder Menschen mit (sichtbarem) Migrationshintergrund sind praktisch nicht präsent. Es sind offenbar die Leute unterwegs, die ihre Identifikation mit dieser Region ganz bewusst pflegen wollen. Und es ist alles anderen als ein Zufall, dass viele Spielstätten ehemalige Industrie-Anlagen sind.
So ist die ExtraSchicht auch immer ein nostalgischer Blick auf eine Region, die mal im Zentrum des Wirtschafts-Wunders stand.

Meine fotografischen Impressionen beschränken sich auf die spektakuläre Abschluss-Performance und das Höhenfeuerwerk im Duisburger Landschaftspark-Nord.