„Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch“ von Abbas KHIDER

Es gibt nette Menschen, die schenken mir – ohne jeden Anlass – zwischendurch ein Buch, weil sie denken, dass es mich interessieren könnte.
Über so ein Buch schreibe ich jetzt, weil ich es – so zwischendurch – gestern Abend und heute früh gelesen habe.

Es geht mal nicht um Nachhaltigkeit oder Literatur. Es geht um die Sprache selbst. Explizit um die deutsche Sprache. Und zwar aus Sicht eines aus dem Irak stammenden Intellektuellen, der sich zunächst als betroffener Fremdling, dann als Profi (Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Deutschland) mit den Besonderheiten des Deutschen auseinandergesetzt hat.

Das Ergebnis ist ein kleines Juwel.
Mit dem Lesen gewinnt man ein anderes (tieferes) Verständnis der eigenen Sprache, einen Einblick in die Mühen, Deutsch als Fremdsprache zu lernen und ein Gefühl dafür, wie man sich als hochintelligenter und gebildeter Mensch ausländischer Abstammung in diesem unseren Lande fühlt.
Lehrreich, amüsant und auch ein wenig verstörend.

Die – sehr kreative Grundidee: Der Autor schlägt eine recht durchgreifende Vereinfachung der grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache vor. Aber nicht so ganz allgemein, sondern ganz konkret. Er liefert nicht weniger als eine neue Grammatik, die das Erlernen (und die Anwendung) dieser Sprache enorm vereinfachen würde.
Er tut das mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit – wohl wissend, dass seine Anregungen ganz sicher nicht umgesetzt werden. Es ist also eine augenzwinkernde Ernsthaftigkeit. Er entwickelt so etwas wie eine sprachliche Utopie, die aus dem „Monster“ (deutsche Sprache) eine bezwingbare Herausforderung machen könnte.

Es geht um Deklinationen, um Pronomen, um Adjektive, um Satzstellungen, um Verbformen.
KHIDER analysiert die unlogischen Kompliziertheiten und macht Alternativvorschläge. Das hört sich sehr trocken und nur mäßig relevant an – wie ein rein theoretischer Beitrag zur Germanistik.

Es gibt jedoch – wie schon angedeutet – zwei Mehrwerte (angeblich gibt es den Plural nicht; ich benutzte ihn trotzdem; Sprache muss sich auch entwickeln…):

1.  Natürlich verfolgt der Autor ein verstecktes Ziel – so denke ich wenigstens. Dadurch, dass er die Ungereimtheiten unserer Sprache entlarvt (um sie vermeintlich zu beseitigen), erklärt er die geltende Grammatik auf eine unterhaltsame Weise. Sozusagen über Bande gespielt. Er legt die Strukturen unter ein Vergrößerungsglas und macht sie so bewusst – auch den Lesern, die sich an ihre letzte Deutschstunde nur mit Mühe erinnern können.

2.  KHIDER versteht es, seine sprachanalytischen Betrachtungen mit seinen Erlebnisse als Neuankömmling bzw. als inzwischen längst integrierter „Fremderscheinender“ in humoristischer Weise zu vermischen. Man bekommt einen Eindruck, wie ein Mensch, der (ca.) 95% der ihm begegnenden Deutschen intellektuell weit überlegen ist, sich in diesen Interaktionen fühlt. Dabei fällt kein böses Wort. Der Autor liebt die sanfte, ironische Darstellung – selbst wenn es um Rechtsradikale geht.

Also: Ein Büchlein, das man mit Genuss liest, wenn man Sprache mag und einen ungewohnten Blick auf den holprigen Weg der Integration werfen will.

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