„Abendland“ von Michael Köhlmeier

Der – nicht nur vom Umfang – beeindruckende Roman hat schon ca. zehn Jahre auf dem Buckel. Ich bin zufällig in meinem Hörbuch-Account auf die begeisterten Kritiker-Stimmen gestoßen.

Der Autor ist ohne Zweifel ein begnadeter Erzähler. In den Lebensgeschichten der ca. fünf Haupt-Protagonisten und den – in literarischen Seitenarmen – ausgeführten Episoden aus dem Leben einiger weiterer Figuren steckt der Stoff für eine ganze Reihe von eigenständigen Romanen. In gewisser Weise fühlt man sich beim Lesen fast überschüttet von Themen, Perspektiven und Erfahrungen, die in das zeitgeschichtliche Gefüge des letzten Jahrhunderts eingebettet werden.

Erzählt wird aus der Perspektive eines Schriftstellers, der den Auftrag erhält, über das facettenreiche Leben eines recht bekannten, kosmopolitischen und sehr wohlhabenden Mathematikers ein Buch zu schreiben. Da dieser vielschichtige Mann über Jahrzehnte hinweg so etwas wie der „Gönner“ seiner eigenen Familie war, handelt dieses Buch auch – und überwiegend – von den Verflechtungen zwischen dem Auftraggeber und der eigenen (Familien-)Biografie des Literaten.
Die Rahmenhandlung wird durch einen letzten Besuch des Ich-Erzählers bei seinem gefühlten „Zweit-Vater“ kurz vor dessen Tod definiert. In einer Reihe von langen Sitzungen entsteht durch die Berichte des Alten nach und nach ein Bild der Lebensläufe und Ereignisse – wobei sich einzelne Zeitsegmente wie Puzzlesteine langsam zu einem Gesamtbild zusammensetzen.

Einige Themen dominieren diesen Roman und machen ihn damit für die entsprechenden Interessenten besonders lohnend: Der erzählende Schriftsteller stammt aus einer Wiener Musiker-Familie; dabei geht es – nach einem Start in der Volksmusik – insbesondere um Jazz. Im Zentrum steht die kurvenreiche und letztlich tragische Karriere seines Vaters, eines begnadeten  – aber auch alkoholabhängigen – Gitarristen, der zwischenzeitlich mit den amerikanischen Jazz-Giganten zusammenspielt.
Das Leben des Auftraggebers selbst spielte sich u.a. zwischen Wien, Lissabon, Deutschland und New York ab. Da er – trotz eines frühen Reichtums und einer bemerkenswerten Wissenschafts-Karriere – nie das ganz große Genie wurde, war sein Leben immer wieder darauf bezogen, die Fäden zu ziehen und Einfluss zu nehmen auf andere, vermeintlich „echtere“ Genies. Er wirkte im Hintergrund durch sein Geld uns seinen Einfluss und hatte ansonsten durchaus komplizierte Beziehungen zu einigen Frauen.
Das alles erfährt man sehr genau – und erfährt damit auch eine ganze Menge über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im 20. Jahrhundert.

Der eigentliche Grund, dieses anspruchsvolle Buch zu lesen, sollte aber die Begeisterung für das Kunstmittel „Sprache“ sein. Letztlich kommt es auf die Inhalt, auf den Plot gar nicht so sehr an – beeindruckend ist, wie vor den Augen des Lesers die Protagonisten zum Leben erweckt werden. Nach diesen 700 Seiten kennt man die Figuren, man sieht sie plastisch vor sich, man hat an ihren Leben und Leiden teilgenommen. Aus den Buchstaben und Wörtern ist ein fassbarer und fühlbarer Ausschnitt der Welt entstanden. Toll!
So etwas muss man können – und Köhlmeier kann es!

Kritik? Ja, bei 700 Seiten gibt es auch Längen. Nicht alles hätte ich so detailverliebt gebraucht.
Aber ich würde es jederzeit wieder lesen. Echte Literatur muss wohl zwangsläufig ein wenig herausfordernd sein. Das unterscheidet sie von Romanen zur Unterhaltung bzw. zum Zeitvertreib (gegen die natürlich nichts einzuwenden ist).

 

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