„Diese gottverdammten Träume“ von Richard Russo

Es hat einige Jahre gedauert, bis dieser 2001 erschienene Roman ins Deutsche übersetzt wurde – obwohl er den angesehenen Pulitzer-Preis erhalten hat.
Mich hat er neugierig gemacht, weil ich schon immer einen gewissen Drang hatte, die amerikanische Denk- und Lebensweise zu ergründen. Und genau das sollte angeblich in diesem Werk geschehen.

Erzählt wird die Geschichte einer US-Kleinstadt in Neuengland, also an der Ostküste. Das Hintergrund-Thema ist der allmähliche wirtschaftliche Niedergang einer ehemals prosperierenden Gemeinde, der aus zwei Perspektiven persönlich in den Fokus genommen wird: Aus der Sicht der prägenden Unternehmer-Dynastie, deren Fabriken einst entscheidend für den Wohlstand der ganzen Stadt waren, und durch das Alltagsleben einer Familie, die sich in dem typischen Kleinstadt-Milieu mit ganz privaten Problemen befassen muss.

Der Handlungsverlauf – der durchaus einen gewissen Spannungsbogen aufmacht – speist sich aus den Querbezügen zwischen den beiden Familien-Systemen, die es sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene gibt.

Was macht diesen Roman lesenswert (hörenswert)?
– Die ca. 10 Hauptfiguren sind differenziert und insgesamt psychologisch sehr stimmig gezeichnet. Man lernt sie wirklich gut kennen und wird Schritt für Schritt mit in ihr Leben mitgenommen. Der Autor lässt sich Zeit dafür, beschreibt Situationen und Interaktionen mit einer ausgeprägten Liebe zum Detail und zu atmosphärischen Feinheiten.
– Die Themen decken ein weites Spektrum dessen ab, was Menschen umtreibt: Konflikte zwischen den Generationen, Liebe und Trennung, Schuld und Wiedergutmachung, Geheimnisse und deren Langzeitfolgen, usw..
– In weiten Teilen des Buches geht es nicht um spektakuläre Ereignisse, sondern um den Alltag – der allerdings scharfsinnig und aufmerksam ausgeleuchtet wird.
– Durch die eher ruhige, unaufgeregte  Erzählstruktur schafft es der Roman, den Leser immer weiter eintauchen zu lassen in den beschriebenen Ausschnitt des amerikanischen Seins. Wenn man durchhält, entsteht irgendwann so ein Gefühl, wie wir alle es aus guten Büchern kennen: Man wird ein Teil des Geschehens und merkt am Ende, dass man sich fast ein wenig eingerichtet hat in dieser anderen Welt…

Was ist schwierig?
– In gewisser Weise ist das Buch eben sehr amerikanisch. Wer sich für die Alltagskultur der USA nicht interessiert, der könnte Überdruss empfinden – angesichts der wiederkehrenden Schilderungen typischer Gewohnheiten.
– Detailverliebtheit kann auch zu Längen führen. Davon ist dieser Roman sicher nicht ganz frei.
– Einige wenige Figuren sind vielleicht ein wenig zu eindimensional geraten. So kann man wirklich nur mühsam nachvollziehen, warum die Ehefrau der Hauptperson der Geschichte an diesen neuen Partner (und dann auch Ehemann) gerät – der so offensichtlich gar nichts zu bieten hat.

Und die Bilanz:
Für mich war es lohnend. Das hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich so ein Buch mal eben zwischendurch „weghören“ kann, ohne gleich mehrere kostbare Wochenenden oder einen halben Jahresurlaub darauf verwenden zu müssen. Wenn man im Jahr nur fünf Bücher schafft, dann würde ich nicht unbedingt diesen Roman auf die Liste setzen. Wenn man die Muße hat, sich immer mal wieder in andere Lebenszusammenhänge hineinzulesen, ist er durchaus eine Empfehlung.

 

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