„Das wundersame Leben des Edgar Mint“ von Brady UDALL

Auf diesen Roman aus dem Jahre 2001 ist eine gute Freundin zufällig gestoßen. Da er nur doch antiquarisch verfügbar ist, gebe ich hier nur eine kurze Bewertung ab. Der Vollständigkeit halber.

Es ist ein wahrhaft wundersames Leben, über das in diesem Entwicklungsroman – wechselnd zwischen einem Ich-Erzähler und einem „Er-Erzähler“ – berichtet wird. Es geht um das Leben eines halb-indianischen Jungen, der „eigentlich“ als Kind zu Tode kommt (sein Kopf gerät unter die Räder eines Jeeps). Es gleicht einem medizinischen Wunder, dass er trotzdem überlebt und so die Gelegenheit bekommt, in der Rückschau sein Leben zu erzählen. Sinnvoller Weise hat er schon sehr früh eine Affinität zum Tippen auf einer Schreibmaschine entwickelt, so dass er auf ein riesiges Archiv von Aufzeichnungen zurückblicken kann.
(Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Bücher von Menschen handeln, die selbst auch schreiben….).

Um es kurz zu machen: Da seine Herkunftsfamilie völlig desolat ist, landet Edgar nach einem langen Krankenhausaufenthalt in einer Art Internat, später in einer Pflegefamilie, um dann doch noch den Kreis zu schließen und an die Auslösesituation des Geschehens zurückzukehren. In einer wahrhaft überraschenden Wendung.

Was Edgar auf seinen Stationen erlebt, ist in mehrfacher Hinsicht unfassbar: hinsichtlich der armseligen Rahmenbedingungen, der erlittenen Grausamkeiten, der abstrusen Situationen und der überwiegend völlig abgedrehten Menschen, die seinen Weg säumen. Man kann sich mit den heutigen europäischen Kindeswohl-Maßstäben überhaupt nicht vorstellen, dass ein Kind all dies auch nur ansatzweise überleben könnte.

Wie ging es mir nun mit dem Roman?
Ehrlich gesagt: Es war mir zwischenzeitlich etwas zu dolle. Ich hätte all die Details nicht in dieser überbordenden Beschreibungstiefe gebraucht. Mir hätte vermutlich nichts gefehlt, wenn der Roman statt 470 nur 320 Seiten umfasst hätte.
Trotzdem bin ich froh, dass ich durchgehalten habe. Nicht nur wegen dem wirklich originellen Ende. Ich fand es tatsächlich anregend, einmal auf diese Weise und am Beispiel dieser fremden kulturellen Umgebung damit konfrontiert zu werden, was Menschen (Kinder) so alles aushalten können und wie unglaublich weit weg von unseren „Selbstverständlichkeiten“ sich Leben gestalten kann. Das gilt unabhängig davon, wie viel reine Fiktion in diesem Buch steckt. Beim Lesen wird einem einfach bewusst, wie verrückt, extrem und gefährlich Leben auch sein kann, immer war und außerhalb unser geordneten Welt sicher auch weiter ist.
Ich glaube, dass dieses Buch speziell auch Menschen gut tun kann, die selbst ein Leben voller Belastungen und Brüchen hatten oder haben. Die Botschaft ist: Selbst wenn alles noch schlimmer kommt – irgendwie kann es trotzdem weitergehen – und irgendwo wartet vielleicht doch noch eine unerwartete Wendung…

(Sollte sich tatsächlich jemand ernsthaft für das Buch interessieren, kann ich sicherlich ein Ausleihen organisieren).

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