„Gefühle & Emotionen – Eine Gebrauchsanweisung“ von Vivian DITTMAR

Das Buch war ein Geschenk. Ich wäre von mir aus nicht darauf gestoßen und habe es gerade daher mit besonderer Neugier gelesen.

Mein  erster Eindruck war: Ein mutiges Unterfangen! Will doch die Autorin mit ihrem selbstgestrickten Gefühlskompass nicht mehr und nicht weniger, als einen erklärenden und handlungsbezogenen Leitfaden für den Umgang mit dem gesamten menschlichen Gefühlsleben schaffen. Das haben sich bestimmt schon bekanntere Geister mal vorgenommen – und dann auf knapp über 200 Seiten doch nicht hinbekommen…
Aber vielleicht schafft es ja Frau Dittmar.

Zunächst mal eine Entwarnung: Das Buch tritt nicht mit dem Anspruch auf, sich an komplexen psychologischen oder physiologischen Forschungsbefunden oder wissenschaftlich begründeter Theoriebildung abzuarbeiten. Ziel ist ein Ratgeber für den Alltag, der sich an eher an Plausibilität als an dem gesammelten Wissen der Emotionsgelehrten orientiert.
Die Autorin stellt auch klar, dass es neben den von ihr betrachteten „Gefühlen als soziale Kräfte“ auch benachbarte Phänomene gibt, die am Beginn und am Ende des Buches nur ganz kurz behandelt werden (körperliche Empfindungen, biologische Programmierungen und Fähigkeiten bzw. Bewusstseinszustände).
Auch für die hier so klar vollzogenen Abgrenzungen reicht es der Autorin, ihre eigene Definition und Systematik heranzuziehen.

Genau dieser Ansatz  – Plausibilität und Klarheit statt wissenschaftlicher Komplexität – schafft eine große Freiheit (ich hätte fast „dichterische Freiheit“ geschrieben). Die Autorin kann ein in sich stimmiges und geschlossenes Modell präsentieren, das einen zentralen Bezugspunkt für alle gemachten Aussagen schafft. Lässt man sich einmal auf ihre Definitionen ein (was z.B. bei der ungewöhnlichen Unterscheidung zwischen „Gefühl“ und „Emotion“ eine gewisse innere Entschlusskraft voraussetzt), dann erschließt sich eine geordnete Welt von fünf Grundgefühlen (Wut, Trauer, Angst, Freude und Scham), die in ihrem Charakter, ihren Funktionen und ihrer Wechselwirkung betrachtet werden können. Wir erfahren, welche (nützlichen) Kräfte in diesen Gefühlen wohnen, welche Konsequenzen es hat, wenn man sie nicht situationsadäquat spürt und zivilisiert zum Ausdruck bringt und sie statt dessen unterdrückt, vertauscht oder zu globalen und eher problematischen inneren Gebilden wachsen lässt (die dann hier „Emotionen“ genannt werden).

Das alles macht in großen Teilen Sinn und lässt sich mit den Erfahrungen und Weisheiten aus westlicher Psychotherapie und östlichen Heilslehren recht gut vereinbaren. Es ist zweifellos sinnvoll und hilfreich, im Kontakt zu seinen inneren Zuständen zu stehen, Gefühle nicht zu verdrängen oder umzudefinieren, keine Scheu auch vor vermeintlich negativen Gefühlsqualitäten zu haben, die durch Gefühle mobilisierte Kräfte zu nutzen und sich vor einem überschäumenden Ausagieren von Gefühlen zu hüten.

Ist das schon die ganze Botschaft?
Nein, das wäre ungerecht.  An zwei Stellen wird zusätzlich das Wechselspiel zwischen Gedanken (Kognitionen) und Gefühlen betrachtet: Einmal wird deutlich gemacht, dass beim Entstehen der Gefühle gedankliche Bewertungen der Umweltgegebenheiten eine entscheidende Rolle spielen. Dies ist eine Erkenntnis, die im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie eine zentrale Stellung einnimmt.
Später wird darauf hingewiesen, dass „Absolutheitsansprüche“ dazu führen können, dass aus dem berechtigten Eintreten für persönliche Interessen und Überzeugungen verzweifelte und verbissene Kämpfe um universell gültige Prinzipien werden können. Auch hier lassen sich Bezüge zu kognitiv-orientierten Therapien ausmachen.
Dem Charakter eines Selbsthilfebuches entspricht es, dass insgesamt 12 Übungen eingestreut werden; dabei geht es meistens um  – jeweils auf die Inhalte der Kapitel bezogenen – Selbstbeobachtungs- und Selbstreflexions-Aufgaben. In dem Kapitel über den Umgang mit den in „Emotionen“ verfestigten Altlasten gehen diese Übungen in eine Art Eigentherapie über.

Wie sieht nun meine persönliche Bewertung aus?

–  Für mich ist es grundsätzlich legitim, plausible und übersichtliche Modelle zu kreieren und zu benutzten, um in einer solchen komplexitätsreduzierten Welt psychische Prozesse besser zugänglich und handhabbarer zu machen.  Dittmar könnte vielleicht etwas stärker deutlich machen, dass sie nicht die „Wahrheit“ über Gefühle schreibt, sondern einen sehr individuellen (und damit auch in gewisser Weise willkürlichen) Zugangsweg erschafft.

– Ich maße mir kein abschließendes Urteil darüber an, welchen Nutzen dieses Selbsthilfe-Buch für Menschen haben kann, die – ohne besondere Vorbildung und Vorerfahrung – Klarheit und Ordnung in ihr Gefühlsleben bringen wollen. Ich gehe aber davon aus, dass es in einer bestimmten Bandbreite von Fragestellungen und Klärungsbedarfen hilfreiche Anregungen zur persönlichen Weiterentwicklung geben kann.

– Der im Kapitel „Von der Emotion zum Gefühl“ formulierte Anspruch, auch dem mit emotionalen Altlasten verbundenen Leid mit Hilfe dieses Buches (und einem vertrauten Menschen) zu Leibe rücken zu können, geht mir in einigen Aspekten schon etwas zu weit. Hier wäre vielleicht eine therapeutische Unterstützung schon die bessere und sicherere Wahl.

– Bezüge zu Begrifflichkeiten aus dem spirituellen bzw. esoterischen Bereich sprechen ein anderes Publikum vielleicht an; mich schrecken sie eher ab. Ich weiß nicht, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn es bringen soll, die fünf Grund-Gefühle mit der „Elementen-Lehre“ in Verbindung zu bringen und der Scham den Äther zuzuordnen.

Also: Ein durchaus für Laien anregendes Buch mit einer gewissen Spur von dem Absolutheitsanspruch, der offenbar jedem in sich geschlossenem Erklärungssystem eigen ist.

 

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