„Neustart im Kopf“ von Norman DOIDGE

Untertitel: „Wie sich unser Gehirn selbst repariert“

Damit ist schon mal geklärt, dass es sich nicht um einen Psycho-Thriller handelt, sondern um ein wissenschaftliches Sachbuch. Genaugenommen um ein Buch, das auf dem oberen Level eines populär-wissenschaftlichen Textes angesiedelt ist. Als Zielgruppe sind wohl in erster Linie interessierte Laien angesprochen, aber auch für medizinisch oder psychologisch vorgebildete Menschen hält das Buch eine Menge Hintergrund-Informationen bereit.

Sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Gehirns zu befassen, ist seit einigen Jahren schwer in Mode gekommen. Die Frage, wie sich in dem Spannungsfeld zwischen Psychologie, Philosophie und Neurowissenschaft die uralten Fragen nach Geist und Bewusstsein beantworten lassen, hat mit der technischen Weiterentwicklung eine neue Dynamik bekommen. Mit modernen bildgebenden Verfahren kann man mittlerweile dem Gehirn beim Denken zugucken – und damit haben sich frühere Zweifel an dem biologischen Fundament unserer Geistigkeit endgültig in die Mottenkiste zurückgezogen. Alles, was unser Ich ausmacht, passiert im Gehirn (ja, der Bauch und die Hormone sind auch wichtig…).

Der Autor dieses Buches hat sich nun einer speziellen Mission verschrieben – und man kann ihm wirklich nicht vorwerfen, dass er diese Zielsetzung halbherzig verfolgen würde. Im Gegenteil: Es scheint tatsächlich sein Lebensthema zu sein, die (Fach-)Welt darüber aufzuklären, dass und in welchem Ausmaß das Gehirn veränderungsfähig, also plastisch ist. Und zwar bis ins hohe Alter.

DOIDGE zeichnet die Entwicklung der Gehirnforschung der letzten ca. 50 Jahre nach, akribisch und mit vielen Beispielen unterlegt. Seine Methode besteht darin, möglichst viele Spitzenforscher in diesem Bereich persönlich aufzusuchen, Gespräche zu führen und ihnen in ihren Laboren über die Schultern zu schauen bzw. ihre klassischen Experimente ausführlich zu schildern.

Seine Kernbotschaft könnte man so zusammenfassen:
Früher glaubte man, dass Gehirn wäre eine klar geordnete und stabile Welt, in der bestimmte Bereiche für bestimmte Aufgaben zuständig wären. Eine „Kartographie“ des Gehirns wäre somit sowohl interindividuell (also zwischen Personen) und intraindividuell (also im zeitlichen Verlauf) zuverlässig und unveränderlich. Werden Nervenzellen bzw. ganze Gehirnbereich durch Krankheit oder Unfall zerstört, dann gehen auch die entsprechenden Funktionen dauerhaft und unwiederbringlich verloren.
Heute weiß man, dass das Gehirn eine enorme Plastizität besitzt und bestimmte Areale bei Bedarf sowohl schrumpfen und wachsen können bzw. ganz neue Funktionen übernehmen können – ohne zeitliche Begrenzung auf bestimmte sensible Phasen oder Altersbereiche.  

Der Autor gibt sich unendlich viel Mühe, diese Kernthese – die er übrigens in einer manchmal kaum zu ertragenden Redundanz wiederholt – zu untermauern. Dazu werden – wie schon angedeutet – sehr viele Experimente herangezogen. Das ist durchaus beeindruckend – wenn man vielleicht auch manchmal irritiert ist, wie wenig der Autor und seine Gesprächspartner auf die ethischen Konflikte bei Tierversuchen eingeht.
Ein zweiter Blick geht auf die Anwendungsmöglichkeiten der neuen Erkenntnisse für Medizin und Rehabilitation – aber auch für Pädagogik und Psychotherapie.

Das Besondere an diesem Buch ist für mich die Breite des Blicks. Irgendwann geht es nicht mehr darum, ob die gängigen „Gehirnlandkarten“ wirklich so allgemeingültig und stabil sind bzw. ob verlorene Bereiche ersetzt werden können. Stattdessen wird immer deutlicher, dass jede Form von Erfahrung und Lernen zu Veränderungen im Gehirn führen und so letztlich die Plastizität eine Grundvoraussetzung für jede Entwicklung ist.
Ein wenig ist dieser unterschiedliche Umgang mit dem Plastizitätsbegriff zwischendurch irritierend.

Letztlich überzeugt hat mich dieses Buch dadurch, dass wirklich interessante und kreative Bezüge zwischen den Grundlagen-Erkenntnissen und unterschiedlichsten Anwendungsbereichen herausgearbeitet werden.
So hätte ich z.B. nie gedacht, dass die Technik der „Freien Assoziation“ in der Psychoanalyse mal eine hirnphysiologische Interpretation erfährt. Oder dass ein gezieltes Gehirn-Training im Bereich der Lernbehinderung viel mehr erreichen kann als eine normale Förderbeschulung. Oder dass ein Mensch mit einem halben Gehirn (nur rechte Gehirnhälfte ist funktionsfähig) ein halbwegs normales Leben führen könnte. Oder dass sich für die Behandlung von Zwangspatienten neue Schlussfolgerungen ergeben könnten.Usw.
Das Buch ist eine Fundgrube für solche Beispiele und dadurch wirklich sehr informativ und anregend.

Fazit: Wenn man sich daran gewöhnen kann, dass manches nicht nur zwei- oder dreimal sondern 30-mal gesagt wird, bietet das Buch sowohl einen lebendigen Eindruck hinter die Kulissen der Hirnforschung als auch einen faszinierenden Ausblick in  – erst ansatzweise genutzte – Potentiale einer auf den Ergebnissen basierenden Reha, Psychotherapie, Förderung und in eine gehirnkompatible Gestaltung von Lernprozessen überhaupt.
Dass der Autor ein Überzeugungstäter ist, muss man nicht als Nachteil bewerten. Ohne eine große Portion Enthusiasmus würde man sicher so ein Projekt nicht angehen.

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