„NSA – Nationales Sicherheitsamt“ von Andreas ESCHBACH

Ich empfehle dieses aktuelle Buch sehr. Es lohnt sich also vielleicht doch, hier mal weiterzulesen.

Historische oder zeitgeschichtliche Romane sind überaus beliebt. Science-Fiction-Literatur erreicht eine – zwar begrenzte – aber treue Leserschaft. Liebesromane und Krimis treffen auf lesehungrige Massen.

Warum erwähne ich diese Banalitäten?
Nun: NSA ist ein Buch, das alle diese Genres in sich vereint – in gewisser Weise liest man also mit diesem Roman mindestens vier Bücher gleichzeitig. Dann um die Vermittlung von technisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen geht es nebenbei auch noch.

Am interessantesten erscheint mir die Kombination von zeitgeschichtlichem Rückblick und Zukunftsroman. Der ganz besondere Clou des Autors ist es nämlich, dass eine – inzwischen tatsächlich etablierte – technische Entwicklung (um einige Jahrzehnte) in die Vergangenheit transferiert wird und damit aus dieser (früheren) Perspektive ein mögliches Zukunftsszenario beschrieben wird. Da diese „Zukunft“ ja bereits ein Teil unserer Geschichte ist, ergibt sich ein anregendes Spiel mit Eventualitäten.
Um es nochmal anders zu sagen: NSA ist ein „was-wäre-gewesen-wenn-Roman“.

Ich werde mal konkreter: Eschbach schildert die Entwicklung des „Dritten Reiches“ unter der Voraussetzung, dass der Computer schon am Anfang des letzten Jahrhunderts erfunden und entwickelt wurde. Also: NS-Regime mit den technischen Möglichkeiten von Google und Co.

Da fällt einem ganz spontan eine Menge ein. Über die Risiken, die entstehen, wenn digitale Überwachungs-Macht von diktatorischen Systemen genutzt werden kann, wurde ja schon reichlich  geschrieben und diskutiert.
Durch den Kniff, dieses Szenario am Beispiel des Hitler-Regimes konkret durchzuspielen, gewinnt dieses Thema eine faszinierende Lebendigkeit.

Da dieses Buch ja nicht für historische Seminare geschrieben wurde, bietet es natürlich sowohl spannende Erzählstränge als auch reichlich Stoff für die emotionale Identifikation mit den dargestellten Einzelschicksalen. Es geht um Liebende, um Hassende, um Böse, um Gute, um Persönlichkeitsgestörte, usw.
Man kann sich das sicher irgendwie vorstellen…

Mich haben insbesondere folgende Aspekte beeindruckt und zu dem Urteil beigetragen, dass es sich wirklich um ein besonders lesenswertes Buch handelt:

  1. Dem Autor hat es offensichtlich großes Vergnügen gemacht, die moderne PC-Technik mit all ihren Facetten in den zeitgeschichtlichen und sprachlichen Kontext zu übertragen. Das ist wirklich durchweg sehr originell gemacht und lädt immer wieder zum Schmunzeln ein.
  2. Eschbach baut auf eine elegante Weise historische Einzel-Ereignisse (Anne Frank, Geschwister Scholl, …) in seinen Plot ein, wodurch sein Spiel mit der „alternativen Realität“ nochmal an Ausdruckskraft gewinnt.
  3. Das Spiel mit den Ebenen wird auf eine sehr kreative Weise auf die Spitze getrieben: Ausgerechnet in einem Roman, in dem es um eine historische Alternative geht, tritt eine Figur auf, die sich als Geschichts-Student mit dem Thema beschäftigt, was denn hätte geschehen können, wenn der Computer erst viel später erfunden worden wäre. Toll!
  4. Ich mag Bücher, die nicht erwartungsgemäß enden.
    Dazu sage ich an dieser Stelle selbstverständlich nichts Genaueres.

Natürlich spürt man fast in jeder Zeile die Botschaft – in diesem Fall die Warnung – des Autors vor den Gefahren der aktuellen und drohenden digitalen Totalüberwachung und -kontrolle.
Aber: So intelligent und unterhaltsam bekommt man dieses Thema sicher nur extrem selten dargeboten.
Und wann kann man schon mit einem guten Gefühl sagen: „Ich habe gerade vier gute Bücher gelesen!“

 

2 Antworten auf „„NSA – Nationales Sicherheitsamt“ von Andreas ESCHBACH“

  1. Vier gute Bücher auf einmal also. Wahrscheinlich habe ich das meiste daran verschlafen, weil ich das Hörbuch hauptsächlich zum Einschlafen höre. Die so emotionale und identifikationsträchtige Story wandelt sich im Verlauf zu einem Wettlauf der Absurditäten. Das Ende kommt definitiv in die Top Five der kaum zu ertragenden Storyausgänge. Da wurde auf den letzten Metern noch mal alles gegeben was das fiktive Szenario hergeben könnte. Man hätte besser einen Teil 2 geschrieben, als den Roman so langsam und gemütlich beginnen zu lassen, um ihn dann am Ende auf maximale Geschwindigkeit zu beschleunigen. Wahrscheinlich hat mir einfach nicht gefallen wie gnadenlos Herr ESCHBACH mit seinen Figuren umgeht. Wo er es doch in „Herr aller Dinge“ so viel besser konnte. Übrigens auch ein Buch ohne Happy End Herr Wecker, aber eins meiner absoluten Lieblinge. Im aktuellen Buch musste aus dramaturgischen Gründen einfach alles über die Klinge springen, was jemals von Wert war. Naja wahrscheinlich bin ich nur nicht bereit, mich auf eine fiktive Realität einzulassen als stünde sie laut klopfend vor unserer Tür. Denn unser heutiger Überwachungsstaat ist selbstgemacht. Wir sind nicht das Opfer eines unerbittlichen Regimes. Wir sind einfach bequem und geil auf Digitalisierung.
    Zum Schluss noch ein Wort zu deinem Punkt 3. Arthur, der Student hat kurz zu Beginn seine Theorie schmal dargestellt ohne sie jemals auszuführen. Er stellt stellvertretend die Frage über alles zu Beginn des Buches, die sich jeder am Ende dann selbst beantworten kann. Zu mehr kam der Gute ja leider nicht. Ich habe den angekündigten Blick in die Zukunft vermisst.

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