„deutsch, nicht dumpf“ von Thea DORN

Ein ganzes Buch über die die richtige Art „deutsch“ zu sein!
Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir diese Aufgabe nicht wirklich selbst ausgesucht: Diese Rezension ist eine Art Auftragsarbeit für einen guten Freund. Wie sollte ich mich dem Interesse an meiner Meinung zu einem Buch entziehen?!

Dieses Buch ist ein Buch einer „klassischen“ Intellektuellen – geschrieben für genau die Sorte von intellektuellen Mitstreitern, die mit Vorliebe den Feuilleton-Teil der ZEIT, der FAZ oder der Süddeutschen studieren, um sich über die aktuellen gesellschaftlichen Diskurse auf dem Laufenden zu halten.

So zu schreiben bedeutet, dass Frau Dorn gerne zeigt, wie groß und tief der kulturelle Fundus ist, aus dem sie schöpfen kann. Es ist in erster Linie der Fundus des traditionellen humanistisch-gymnasialen Bildungsbürgers, der sich in den Geistesgrößen der deutschen Klassik verankert sieht und sich ganz selbstverständlich und souverän in den historischen, literarischen, philosophischen und musikalischen Strömungen der letzten 250 Jahren bewegt – wie ein Fisch im Wasser.

Den Text zu lesen bedeutet, dass man sich einlassen muss – auf eine komplexe Sprache, auf einen – manchmal fast schwindelerregenden – Parforceritt durch Zitate und Argumentationslinien. Man fühlt sich gefordert – aber lohnt sich diese Anstrengung auch?

Zunächst aber zum Inhalt: Das Buch arbeitet sich in acht aufeinander aufbauenden Kapiteln durch die Themen Leitkultur, Identität, Heimat, Europa, Weltbürgertum, Nation und schließlich Patriotismus.
Frau Dorn gibt sich dabei durchaus Mühe, ihre Leser mitzunehmen: Sie erklärt immer mal wieder, wo sie gerade ist, wie sie die Bezüge sieht und wo sie hin will. Das ist hilfreich und sympathisch.

Der Autorin gelingt es ganz offensichtlich, unter diesen Oberbegriffen ihr gesamtes kulturelles und politisches Weltbild unterzubringen. Sie hat klare Meinungen und eine Botschaft (der Begriff „Message“ verbietet sich in diesen Kreisen – ebenso wie andere Anglizismen).

Was will sie uns nun sagen? Ich versuche es mal exemplarisch in ein paar kurzen und einfachen Thesen:

  • Wir Deutschen dürfen stolz sein auf unsere Kulturnation.
  • Eine heimatliche Einbettung in sich zu tragen ist erstrebenswert und unverzichtbar; erst auf dieser Grundlage kann man im guten Sinne „Weltbürger“ sein.
  • Die Nation ist immer noch die beste Basis für die verlässliche und schützende Einbindung in ein Gemeinschaftssystem (auch wenn man langfristig größere Einheiten anstreben darf).
  • Ein aufgeklärter und unaufgeregter Patriotismus ist nicht nur erlaubt, sondern erstrebenswert. Dabei dürfen – über den „Verfassungs-Patriotismus“ hinaus, auch eher emotional besetzte „Wesenszüge“ des Deutschseins eine Rolle spielen.
  • Man darf sich der eigenen Nation stärker verbunden und verantwortlich fühlen als dem Rest der Welt und darf nach realistischen Kompromissen suchen zwischen solidarischer Nothilfe und Eigeninteressen.
  • Moralische Prinzipien und die universelle Gültigkeit der Menschenrechte schließen einen pragmatischen Umgang mit „schwierigen“ Partnern auf der Weltbühne nicht aus.
  • Die größte Bedrohung für die Menschheit geht von den technikberauschten Weltveränderern des Silicon-Valleys aus, die den Wesenskern des Menschen auf dem Altar des Transhumanismus opfern.

Was vielleicht deutlich geworden ist: Dorn ist eine Frau der Mäßigung, des Abwägens, des Sowohl-als auch. Extreme Haltungen und Antworten sind ihr suspekt. Sie mag die Differenzierungen. Gerne stellt sie immer wieder sich widersprechende Textstellen von mehr oder weniger bekannten Autoren gegenüber, um dann die Synthese zu präsentieren – entweder in Form eines noch schlaueren Zitats oder gerne auch selbstdefiniert.

Brauch man nun all das oder erlebt man es eher als intellektuelle Selbstbeweihräucherung?

Nun, ich habe mich auf den ersten Seiten tatsächlich gefragt, ob mir diese ganze Welt der Frau Dorn nicht doch zu fremd ist. Nicht nur deshalb, weil ich einfach nicht so verwoben bin mit der „Deutschen Klassik“ und ich meine Haltungen und Antworten im Allgemeinen mit deutlich weniger historischem Tiefgang ausbilde.

Tatsächlich war mir die geradezu missionarische Konzentration auf die „Hochkultur“ der Goethes, Kleists, Bachs und Wagners ein bisschen zu dominant und rückwärtsgerichtet. Ich verstehe ja, dass man Opern als ein wertvolles Kulturgut betrachten kann – aber muss das der notwendige Bezugspunkt im 21. Jahrhundert sein? Ganz sicher nicht! War Frau Dorn mal in einem Pink Floyd-Konzert? Ganz sicher nicht!
Sie sollte mit ihrem einseitigen Kultur-Begriff den Ball vielleicht ein wenig flacher halten.

Doch es gab beim Lesen auch die anderen Momente: Man wollte spontan den gut geführten Argumentationslinien folgen und fühlte sich angeregt und inspiriert von Ausführungen, die schon ein oder zwei Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Manchmal ist es einfach überzeugend und klug, was da zusammengetragen und geschlussfolgert wird.

Ich habe kein Problem damit, dass jemand, der ein Buch schreibt, seine Weltsicht verbreiten will. Welche Motivation sollte naheliegender sein?! Dabei darf man gerne auch mal polemisch zuspitzen. Geschenkt!

Letztlich ist es ein Buch für eine eher begrenzte, speziell motivierte Leserschaft. Es wird nicht in den Mainstream vordringen. Aber es war keine verlorene Zeit. Wenn man denn Menschen um sich hat, mit denen man sich auf diesem Niveau austauschen kann…

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