„21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ von Yuval Noah HARARI

Ein neues Buch des israelitischen Historikers HARARI ist inzwischen ein vielbeachtetes kulturelles Ereignis. Der Autor hat es geschafft, sich mit seinen ersten beiden Veröffentlichungen („Eine kurze Geschichte der Menschheit“, „Homo Deus“) mitten ins Zentrum des aktuellen Diskurses um die Zukunft der Menschheit zu schreiben. HARARI hat uns etwas zu sagen – und er wird gehört (bzw. gelesen).

Da ich inzwischen ein HARARI-Fan geworden bin (wenn man so etwas in meinem fortgeschrittenen Alter überhaupt noch sein darf), habe ich mich wenige Tage nach Erscheinen des Buches geradezu darauf gestürzt.
Die gemachten Erfahrungen teile ich jetzt mit euch.

Um es kurz zu machen: HARARI erklärt uns die Welt! Nicht mehr und nicht weniger.
Natürlich lässt einen dieser Anspruch der Allzuständigkeit zunächst zurückschrecken. „Was für eine Hybris!“, denkt man instinktiv. Kann und darf man so anmaßend sein?
Vielleicht sollte man die Beantwortung dieser Frage an den Schluss dieser Betrachtungen verschieben.

Wie geht der Autor vor?
Nun, er betrachtet das Weltgeschehen aus einer Position der nüchternen Beobachtung, bündelt und interpretiert die Ereignisse und Entwicklungen in einigen grundlegenden Kategorien und leitet daraus „vernünftige“ Schlussfolgerungen ab.
Er tut das insofern „neutral“, dass er sich an keine der gängigen ideologischen oder religiösen Überzeugungssysteme bindet. Seine Richtschnur ist in erster Linie ein wissenschaftlicher Weltzugang – ohne dass er blind gegenüber den Grenzen oder Fehlentwicklungen dieser Perspektive wäre.
Seine Neutralität ist natürlich in sofern relativ, als dass jede Strukturierung und Kategorisierung einen Eingriff darstellt: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte der Realität und blendet – notwendigerweise – andere Aspekte aus.

HARARI hat seine Art der Weltbetrachtung als Historiker begonnen. Er ist es gewohnt, die großen Linien herauszuarbeiten, die Zusammenhänge. Genau so hält er das mit der Gegenwart und mit seinem Blick auf die Zukunft.
Das wirkt überzeugend und erleichtert es ungemein die Orientierung. Das Chaos der Gegenwartswelt ordnet sich in nachvollziehbare Muster. Dass es jetzt genau 21 Gliederungspunkte sind, schafft natürlich auch einen eingängigen Buchtitel…

Sollte ich vielleicht etwas über den Inhalt sagen?
In dem Buch geht es nicht um das „Klein-Klein“. Hier werden keine Ratschläge für einen ökologischen Alltag gegeben. HARARI schreibt nicht über Bio-Fleisch oder alternative Energiegewinnung.
Der Autor möchte, dass wir verstehen, wohin die Reise gehen könnte, wenn wir es schleifen lassen. Er sagt – wie alle relevanten Zukunfts-Autoren – dramatische Wandlungen voraus. Im Zentrum seiner Betrachtungen stehen die Verbindungen zwischen der Konzentration digitaler Datenmacht und den bevorstehenden biotechnischen Eingriffsmöglichkeiten in die Innenwelt des Menschen.
Seine Kernfragen lauten: Haben wir die Chance, den zukünftigen Manipulationsoptionen von Konzernen und Regierungen etwas entgegenzusetzen? Können wir noch verhindern, dass sich die Menschheit aufspaltet in eine bedeutungslose Masse von Abgehängten und eine Kaste der Super-Elite, die sich dank unbegrenzter Ressourcen und mithilfe digitaler und gentechnologischer Aufrüstung zu einer neuen Art von Über-Mensch entwickelt? Können wir Menschen im klassischen Sinne bleiben – als Personen, die mehr über sich und ihre inneren Gefühle und Gedanken wissen als Google oder Facebook?

Okay. Das hört sich an, als ob einem leicht schwindelig werden könnte beim Konsum dieses Buches. Das tut es aber nicht. HARARI schreibt klar und eingängig. Er wiederholt seine Grundthesen immer wieder und bietet so das Gerüst für seine Beschreibungen und Argumente. Man verirrt sich nicht.
Manchmal ist diese Form von Redundanz schon etwas nervig. Man weiß schon, was er meint – und trotzdem kommen noch zwei oder drei Beispiele. Der Autor geht auch gerne ins Detail. Er lässt uns wissen, dass er viel weiß. Über Kulturen, Ideologien, Religionen, Natur, ….
Natürlich hat das auch einen Vorteil: Er belegt seine Behauptungen.

Was könnte einen stören an einem solchen Buch?
Nun: jeder, der eine feste ideologische oder religiöse Grundüberzeugung hat, wird sich irgendwann ärgern über die selbstverständliche Klarheit bestimmter Aussagen. HARARI ist da nicht zimperlich: Wenn für ihn z.B. unzweifelhaft klar ist, dass alle Religionen menschliche Erzählungen sind und die daraus abgeleiteten Gebote und Dogmen nichts mit der Frage zu tun haben, wie irgendwann dieser Kosmos entstanden ist, dann sagt er das auch so. Es ist für ihn einfach logisch zwingend. Natürlich mindert es nicht seinen Respekt gegenüber Menschen, die gläubig sind.
Man kann sich über HARARIs Selbstgewissheit aufregen – man kann aber auch geradezu begeistert darüber sein, wie klar er Dinge bennent und in überzeugende Zusammenhänge bringt.

Damit sind wir bei der Antwort auf die oben gestellte Frage angekommen:
Ich finde HARARIs Stil eher erfrischend und anregend, manchmal etwas gebetsmühlenartig. Ja – der Mann ist von sich überzeugt. Aber er hat auch eine Menge zu bieten.
Ob man nach dem aufmerksamen Studium von „Homo Deus“ dieses neue -Buch allerdings wirklich noch unbedingt braucht, ist eine schwierigere Frage. Wenn ich nicht so interessiert und begeistert wäre, hätte ich da vielleicht doch meine kleinen Zweifel…

Aber: Ich freue mich auf jede zukünftige Diskussion über dieses Buch.
Schon allein deshalb solltet ihr es lesen (oder hören)….

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