Gefühlte Politik im September 2018

Ja, es war nie so richtig gut. Man hatte immer was zu meckern. Deutsche Parteipolitik war immer auch ärgerlich – weil widersprüchlich, ungerecht, lobby-beeinflusst, inkonsequent, zu wenig nachhaltig, usw.
Aber: Was man in den letzten ein bis zwei Jahren erlebt, erscheint doch irgendwie unfassbar.

Ich spüre eine steigende Sehnsucht nach so etwas wie Respekt. Ich möchte eine gewisse Grundachtung haben vor den Menschen, die unsere politischen Geschicke bestimmen – selbst wenn sie nicht meine ganz persönlichen politischen Ziele verfolgen. Ich wünsche mir einen gewissen Standard: im operativen Bereich, in der Form der Auseinandersetzung, im Stil.

Ich habe vor einigen Monaten sehr auf die Medien und die aufgeregte öffentliche Meinung geschimpft, die scheinbar jeden Politiker (speziell der SPD) zu Fall bringen wollten.
Aktuell verstehe ich die miese Stimmung und die zynischen Kommentare.

Mir geht es nicht um eine konkrete Entscheidung. Ich denke nicht, dass man die GroKo um jeden Preis beenden sollte. Aber das Gewurschtele hält man wirklich nicht mehr aus.

Ich mache mir Sorgen wegen der fast täglich wachsenden Politikverdrossenheit. Können die beteiligten Menschen (und natürlich denke ich zuerst an Seehofer; auch an Lindner, der Jamaika vermasselt hat) nicht ein Minimum Verantwortung für das Ganze übernehmen? Muss wirklich innerhalb eines Jahres eine politische Stabilität, die über Europa hinaus modellhaft war, in dieser Rücksichtslosigkeit zerstampft werden?

Man schaut sich das an und denkt: „Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen.“ Aber sicher ist man sich inzwischen nicht mehr…

Ganz konkret fällt mir nur ein Ausweg ein: Wenn sich die CSU nicht von Seehofer trennen kann, dann sollte die Koalition mit den Grünen fortgesetzt werden. Noch ist Zeit bis zu den nächsten Wahlen…

3 Antworten auf „Gefühlte Politik im September 2018“

  1. DANKE! Du sprichst mir aus der Seele. Respekt, Achtung und Wahrung von menschlichen Grundwerten, die dann auch im politischen Geschehen Geltung haben müssen: Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Diese Werte vermisse ich schon seit langem in der Gesellschaft. Von daher haben Blender und Verleumder aller colouer so einen Zulauf.

  2. Im Grunde hast Du recht.
    Aber ich finde, die Chance mit den Grünen zu regieren, hat die FDP zu nichte gemacht.
    Selbst wenn die Grünen wollten, eine Minderheitsregierung hätte keine Chance…
    Eine verfahrene Kiste.
    Wer würde einer stabilen Mehrheit jenseits der AFD und der Linken seine Stimme geben?
    Nach der wohl desaströsen Landtagswahl werden die Karten noch einmal neu gemischt.

  3. Es zerfasert sich immer mehr und man weiß gar nicht, wo man zuerst ansetzen soll, in dem Bedürfnis nach Klarheit, Werten, Respekt und Verantwortung. Ich habe dann erstmal Frau Nahles einen Brief geschrieben:
    Liebe Andrea,
    mit der Gewissheit, dass ich nicht Nichts weiß, aber auch nicht Alles und dem Wissen, dass man in demokratischen Prozessen manch ungeliebten Kompromiss akzeptieren, so manche Kröte schlucken muss, frage ich mich, was um allen lieben Friedens Willen, hat dich tatsächlich bewogen auf halber Strecke einzuknicken? Eine hochgejubelte Akzeptanz von Herrn Maaßen abzunicken, die beinahe unverschämten Provokationen von Herrn Seehofer hinzunehmen. So erscheint es mir. Syrien, ja; Herr Trump und das liebe Geld, ja; ein starkes Europa muss sich formieren, ja; die Verantwortung für das Ganze, ja!
    Aber diese Kröte, die du da geschluckt hast, ist eine giftige.
    Ein aufrichtiger und überzeugter demokratischer Mensch erwartet diese Spezies nicht in europäischen Gefilden, aber mehrere dieser nicht so putzigen Lebewesen bevölkern ja mittlerweile „unser Europa“.
    Du bist meines Erachtens eine Frau, die sich ein gutes Mittelmaß zwischen einem sachlichen Überblick und einem leidenschaftlichen Weitblick erhalten hat. Eigentlich weißt du, dass es Situationen im Leben gibt, die erfordern, ein klares NEIN als solches auch beizubehalten, wenn man den Respekt nicht verlieren will. Und darum geht es. Menschen, die, davon bin ich überzeugt, in ihrer Vergangenheit auch Wertvolles geleistet haben, in einer solchen Situation auszubremsen. In einer Situation, in der sie sich verstricken in von persönlichen Interessen geleiteten Machtspielchen, die ihre Ohnmacht kaschieren sollen. Die dann erschreckenderweise als angstbesetzte „Möchte-gern-rebellen“ für Unruhe und Zersetzung sorgen. Die Aufgabe besteht darin, ihnen den Boden dafür zu entziehen, sie zum Aufgeben zu zwingen.
    Glaube mir, die Kritik, die eingesetzt hätte, wäre die die SPD nicht eingeknickt, wäre bei weitem nicht so zerstörerisch gewesen, wie die Enttäuschung, die sich angesichts dieses faulen Kompromisses in Ratlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und später in Wut und Ablehnung äußern wird.
    Nicht riskieren wollen, dass gerade in der heutigen Situation, in der jetzigen unsicheren Zeit unsere Regierung zerbricht, das kann ich verstehen. Aber genau deshalb gilt es, diejenigen in Grenzen zu verweisen, die mit ihren Aktionen auf dem Gedankenteppich von gesamtverantwortlich denkenden Menschen Cha Cha Cha tanzen.
    Menschen, die als Ziel Einigung und Miteinander unverrückbar auf ihre Fahnen geschrieben haben, neigen dazu, kein Risiko einzugehen und riskieren genau damit, dass die Umsetzung ihrer Träume und Ziele immer unerreichbarer erscheint.
    Die SPD ist in die Regierungsverantwortung gegangen, damit dieses Land endlich wieder regiert werden konnte. Sie hat sich dieser Aufgabe gestellt und, im Gegensatz zur FDP, nicht egoistische parteipolitische Gedanken in den Vordergrund gestellt. Das aber bedeutet nun:
    Nein zu einer giftigen Kröte, bevor sie einen küsst. Das sichert das Überleben und letzten Endes weißt du das.

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