Organspende und Jens Spahn

Ich bin nicht gerade ein Fan von Jens Spahn. Die Art, in der er sich als Gegenfigur zur eher liberalen Merkel-CDU in Stellung gebracht hat, war mir nicht sympathisch. Ich verfolge aber mit Interesse seine Bemühungen, sich im schwierigen Gelände des Gesundheits-Dschungels zurechtzufinden und erste Zeichen (z.B. bei der Pflege) zu setzen.

Seinen Vorstoß für eine Neuregelung der rechtlichen Bedingungen für Organspenden finde ich mutig und begrüßenswert. Hier setzt sich offenbar jemand für ein Thema ein, das dringend eine sachgerechte Lösung benötigt, bei dem man sich aber nicht nur Freunde macht. Das Thema ist kontrovers und wird hoch-emotional diskutiert.

Meine Meinung zu diesem Thema war schon immer eindeutig: Die Möglichkeit, durch Organtransplantationen Leiden zu vermindern und Leben zu retten wiegen eindeutig schwerer als alle vorstellbaren Bedenken.

Ich will an dieser Stelle nicht die gesamte inhaltliche Diskussion wiedergeben; das kann man bei Bedarf überall nachlesen. Es geht mir um die Gewichtung.
Es gab in dem Transplantations-System ganz offensichtlich Schwächen, Fehler, Missbrauch und sogar kriminelle Machenschaften. So wie übrigens überall in der Medizin und der Psychotherapie, der Pädagogik, der ….
Auch steht ohne Zweifel fest, dass man bei Fragen um Leben und Tod etwas genauer hinschauen möchte und keine Hau-Ruck-Lösungen akzeptiert.
Aber all das ist zu vernachlässigen gegenüber der realen und konkreten Chance, Tausende von Leben zu retten, jedes Jahr.

Vielleicht sollte man sich mal zum Vergleich kurz daran vor Augen führen, wie viel uns offenbar einzelne Menschenleben wert sind, wenn ein paar Jungs in einer thailändischen Höhle eingeschlossen sind, ein Terrorist in Barcelona in eine Menschengruppe rast oder ein Mann in Chemnitz von zwei Ausländern ermordet wird.
Ich will das nicht kritisieren oder relativieren – aus meiner Sicht kann man einem einzelnen Menschenleben gar nicht genug Bedeutung beimessen.
Ich frage nur: Warum kann man nicht mit einem ähnlichen Mitgefühl und einer vergleichbaren Prioritätensetzung einen Rahmen dafür schaffen, Menschen eine Chance auf Weiterleben zu geben, die nichts anderes benötigen als ein Organ eines Toten?

Wer sich aus religiösen oder sonstigen Gründen – z.B. weil er sich nicht der Definition des „Hirntodes“ ausliefern will oder das Prinzip der Selbstbestimmung bis in Tod zelebrieren möchte  – dieser menschlichen Solidarität verweigern will, der wird ja das Recht dazu haben (ob er trotzdem als Empfänger für ein Spenderorgan in Frage kommen sollte, könnte man diskutieren).
Aber unsere Gesellschaft darf und müsste doch ein Interesse daran haben, es als „Normalfall“ zu betrachten, dass Organe genutzt werden dürfen – unter all den vorgeschlagenen Rahmenbedingungen.

Es geht wohl letztlich – ähnlich wie bei dem Thema des Sozialen Pflichtjahres – um das Verhältnis zwischen der Freiheit des Individuums und den Interessen der Gemeinschaft, in der und durch die der Einzelne erst all diese Möglichkeiten und Privilegien erwerben und entfalten konnte, die er dann oft so selbstgewiss gegen jeden Anspruch auf Solidarität verteidigen will.

Für diese Zusammenhänge (wieder?) ein stärkeres Empfinden zu entwickeln, sehe ich als eine der dringendsten Aufgaben der nächsten Jahre an. Auch für die Hass- und Wutbürger, die in unserem System nur noch als eine Ansammlung von Ausbeutung und Bösartigkeit sehen können.

Herrn Spahn wünsche ich jedenfalls  in dieser Sache viel Erfolg und wünsche mir mehr Politiker, die sich zugunsten des Gemeinwohls auch mal aus der Deckung wagen.

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