„Wir sind nicht wir“ von Matthew THOMAS

900 Seiten Amerika, also Mittelschicht-Ostküsten-USA. Die richtige Dröhnung für 10 Tage Urlaub, in dem die Hitze kaum andere Aktivitäten zuließ.

Ich habe schon immer gerne amerikanische Romane gelesen. Das hat weniger damit zu tun, dass ich jemals ein kritikloser Amerika-Fan gewesen wäre. Aber ich fand es spannend, diese Kultur, diesen wichtigen Teil der Welt, zu verstehen. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die USA so etwas wie die Leitkultur für West-Europa war. Der Rest der Welt, insbesondere Asien,  war noch nicht so sichtbar und bedeutungsvoll. Was in Amerika passierte, schien unsere eigene Zukunft vorwegzunehmen.
Meine erste richtig große Reise führte mich 1975 quer durch die Staaten. Auch das hat vielleicht mein Interesse an diesem Land nachhaltig geprägt.

Soweit die Vorrede; jetzt zum Buch.

Es steckt viel typisches weißes Amerika in diesen 900 Seiten: der Kampf um den Wohlstand, die Bedeutung des passenden Hauses, die Sorge um die richtige Ausbildung der Kinder, Baseball, College, Kirchgänge, Familienrituale, usw.

Das alles bildet aber nur den detailreich beschriebenen Hintergrund für die eigentliche Geschichte. Es ist die Geschichte einer Krankheit, die das Leben einer Familie über viele Jahre bestimmt. Die Krankheit heißt Alzheimer.

Dass diese heimtückische Krankheit im Gehirn des Vaters vor sich hin wütet, bleibt dem Leser über viele Kapitel verborgen. Genauso wie es sich für die Familie darstellt. Vielleicht ahnt es der Leser etwas früher als die Ehefrau und der Sohn. Wann es der Betroffene selbst ahnt, erfährt man nie.

Was dem Autor gelingt: Er schreibt einen Roman über Amerika, der auch ohne das Thema „Alzheimer“ ein tolles Portrait einer bestimmten Art amerikanischen Lebens gewesen wäre – und er schreibt einen Roman über Alzheimer, der auch ohne die kulturellen Bezüge ein beeindruckendes Protokoll eines allmählich fortschreitenden Persönlichkeitszerfalls gewesen wäre.
Der Autor hat also eigentlich zwei Bücher in einem geschrieben.

Über die sprachlichen und schriftstellerischen Fähigkeiten von Matthew Thomas könnte man sicherlich viel schreiben. Man findet – besonders im ersten Teil – Sätze, die man am liebsten ausschneiden möchte (okay, heute fotografiert man sie mit dem Smartphone).

Einen solchen Mammut-Roman ganz ohne Längen zu schreiben, ist vermutlich unmöglich. Ich hatte nur ganz selten das Gefühl, dass es jetzt ist des Guten zu viel wäre. Ich bin sicher, dass die Ausführlichkeit und die Redundanz einiger Schilderungen ein gewolltes Stilmittel sind, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie sich das Leben mit dieser Krankheit tatsächlich auch anfühlt – eben in gewisser Weise auch spiralenförmig endlos…

Insgesamt ein tolles Leseerlebnis – wenn man an einem der beiden Thematiken interessiert ist und sich die Zeit nicht gerade irgendwo abknapsen muss.

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