„Vor dem Denken“ von John BARGH

Dieses Buch, bei dem als Untertitel auch der überfrachtete Begriff „das Unbewusste“ auftaucht, ist eine Mischung zwischen sozialpsychologischem Fachbuch und einer populärwissenschaftlichen Abhandlung. Es ist ein Fachbuch, weil viele Untersuchungen präsentiert und in einen theoretischen Rahmen eingebunden werden; es ist populärwissenschaftlich, weil es locker und leicht aufbereitet ist, den „normalen“ Leser nicht überfordert und Bezüge zu dem persönlichen und wissenschaftlichen Lebensweg des Autors aufweist.

Worum geht es?
Der Autor nimmt sich einiges vor, er legt die Messlatte ziemlich hoch. Er will nicht weniger präsentieren als ein in sich stimmiges Modell über die Bedeutung der „nicht-bewussten“ Prozesse auf das menschliche Verhalten. Er scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang auch den Aspekt der Willensfreiheit mit zu behandeln und auch Hinweise auf den eigenen Alltag und  auf erweiterte Möglichkeiten der Selbstbestimmung des eigenen Handelns anzubieten.

Für jemanden wie mich, der sich den Grenzen der „autonomen Selbstbestimmung“ bzw. der „Willensfreiheit“ sowohl philosophisch als auch neurowissenschaftlich schon ein wenig genähert hat, bietet der Zugang von BARGH tatsächlich eine Überraschung. Der Autor ist ein reinrassiger Sozialpsychologe und betrachtet das gesamt Themenspektrum aus dieser Perspektive. Darauf muss man erstmal kommen!
Das bedeutet konkret, dass er jede Menge sozialpsychologische Untersuchungen anführt, in denen nachgewiesen wird, dass bestimmte Erfahrungen, Reize oder Informationen Auswirkungen auf Bewertungen, Entscheidungen oder Verhalten haben, die Versuchspersonen danach zeigen. Und zwar – und das ist der Clou – ohne dass sie sich dieser Einflussfaktoren bewusst sind. Sie denken also subjektiv, dass sie „eigene“ Entscheidungen/Meinungen usw. ausdrücken (auf rein rationaler Grundlage), tun dies aber ganz offensichtlich nicht unbeeinflusst von den zuvor „angestoßenen“ Konzepten/Themen/Vorurteilen.
Zusätzlich macht er facettenreich deutlich, wie hilfreich vorbewusste, im Hintergrund laufende innere Prozesse bei der Lösung komplexer Probleme sein können.

Das ist alles recht interessant und überwiegend auch sehr einleuchtend und es erweitert sicher auch die grundsätzlichen Diskussionen über das Ausmaß der viel beschworenen Autonomie des ICHs. Trotzdem hinterlässt das Buch auf einigen Ebenen einen etwas zwiespältigen Eindruck:

  • Etwas störend ist der immer wieder spürbare Alleinstellungsanspruch des  – eigentlich sehr sympathisch rüberkommenden – Autors: Es gibt kaum Bezüge zu Nachbardisziplinen. Man hat ein wenig den Eindruck, er bewegt sich in einem abgeschlossenen Terrain und die Sozialpsychologie sei die einzige relevante Wissenschaft, die zum Thema etwas zu sagen hätte.
    Ein extremes Beispiel dafür ist sein Vorschlag, sein eigenes Verhalten durch eine geplante Manipulation der eigenen Umgebung besser im gewünschten Sinne zu steuern (ganz platt: wer weniger Alkohol trinken will, hat am besten keine gut sortierte Hausbar). Man erfährt in diesem Buch jedoch nicht, dass die Selbststeuerung durch „Stimulus-Kontrolle“ eine seit Jahrzehnten praktizierte verhaltenstherapeutische Technik ist.
  • Das Buch ist – wie gesagt – gut lesbar und die großen Zusammenhänge werden immer wieder aufgegriffen. Das ist vielleicht didaktisch sinnvoll, führt aber doch zu einer ziemlichen Redundanz. Bestimmte Formulierungen kann man irgendwann mit zusammen mit dem Autor auswendig herbeten..
  • Der gute Professor BARGH ist ein netter Typ. Er hat früher Rock-Musik gehört und auch selbst im Lokalradio Patten aufgelegt. Offensichtlichist war er auch ein engagierter Vater und hat sich voller Enthusiasmus seinem Beruf gewidmet, der sicher auch seine Berufung war. Er feiert mit diesem Buch auch ein wenig sich selbst und sein Lebensweg. Das ist alles nicht schlimm – es sei denn, man wäre etwas sensibel im Bereich Selbstverliebtheit…

Und die Bilanz:
Ein anregendes Buch. Durchaus lohnenswert.
Aber es steht sehr für sich allein. Es betrachtet ein riesiges Thema aus einer speziellen Perspektive – so als ob es die anderen Zugänge nicht gäbe.
Damit bietet es nicht eine Gesamtsicht über all die Prozesse, die vor und neben dem bewussten Denken stattfinden, sondern den Ausschnitt, der sich durch den ganz persönlichen Forschungsweg des Autors aufgetan hat.
Wenn man das weiß und so auch  – vielleicht zur Ergänzung anderer Aspekte – will, dann ist das Buch eine gute Wahl.

 

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