„Liebe Sachsen“ von SILVIA

Liebe Sachsen,

dies ist ein Brief an Euch, die wir uns nicht kennen und er entspringt meinem Bedürfnis verstehen zu wollen, was in eurem doch so wunderschönen Bundesland passiert.

Aber ich beginne von vorne. Elf Jahre habe ich im Ausland gelebt und nun beschlossen, wieder zurück nach Deutschland zu gehen. Meine Wahl  fiel auf Sachsen. Vor einigen Tagen, ich befand mich auf einem Grillfest von deutschen Einwanderern, kam nun dieser, mein  Wunsch und meine Planung in der gutgelaunten und fröhlichen, Würstchen verspeisenden Runde, zur Sprache. Die Reaktion der Anwesenden verschlug mir erstmal dieselbe. „Wie kannst du dahin ziehen wollen, da leben doch die Rechten, die Faschos.“ war einer der nettesten Kommentare, weil er zumindest die Möglichkeit beinhaltete zu antworten. Ihnen zu erzählen, dass mich mit Sachsen nicht nur die Tatsache verbindet, dass meine Kinder dort ein zuhause gefunden haben und dass ich als Jugendliche aus dem Westen viele Reisen in dieses Bundesland machen durfte und es mir vertraut scheint.

All dies fand  kein Gehör, mit dem die Skepsis und die Ablehnung meiner Zuhörer überwunden werden konnten.

Oh ja, die Ossis und die Wessis. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als ich gebannt vor dem Fernseher saß, die Berichterstattung über die Öffnung der Grenze verfolgte und dann wie viele andere auf den Marktplatz von Lübeck eilte, auf dem sich schon eine ungemein große Zahl von Menschen versammelt hatten. Menschen aus dem Osten und Menschen aus dem Westen. Deutschland war wieder vereint. Ich kann mich aber auch sehr gut daran erinnern, wie ich Tage später skeptisch den Versprechungen lauschte, in denen Herr Kohl blühende Landschaften versprach, wie ich fassungslos miterlebte, dass die Menschen, die in Massen in Lübeck anscheinend völlig  berauscht vor den Läden standen, die Markenjeans für unsere „Brüder und Schwestern aus den alten Bundesländern“ zu Spottpreisen anboten und sie dann in einen Kaufrausch verfielen. Für mich gab es einiges, das sie aus ihrem bisherigen Leben stolz hätten präsentieren können. Aber das taten sie nicht. Der Westen versprach das Paradies, der Osten übergab sich und seine bisherigen Werte ohne Wenn und Aber den Versprechen aus dem Westfernsehen.

Leise Zweifel überkamen mich, schon damals. Diese friedliche Revolution. Warum  hatte sie stattgefunden? Reisefreiheit, keine Bespitzelungen mehr, keine Unterdrückung durch eine festgefahrene, verrostete, sozialistische Führungsriege, die Gedankenfreiheit einschränkte und vorgab, was richtig oder falsch war. Und jetzt? Waren meine Zweifel berechtigt? Ging es nicht wirklich darum eine Demokratie leben zu wollen, Eigenverantwortung zu übernehmen und als freier Staatsbürger nicht mehr alleine Die Politiker für das eigene Leben in die Pflicht zu nehmen.

Sachsen war einmal ein Land, das lange vor unserer Gegenwart  Fremden erfolgreich ermöglichte, sich zu integrieren, es war ein tolerantes Land, in dem sich Kultur und Kunst frei entfalten konnten. Lange vor unserer Zeit, das stimmt. Wie kann es sein, dass gerade in Sachsen so viele Menschen leben, die anscheinend wissen, wogegen sie kämpfen, aber nicht wissen, wie sich Hass in der Sprache und in den Gedanken verselbständig. Er wird zum Aushängeschild für eine Welt wird, in der man nicht mehr kritisch betrachten kann, wer man ist, sondern nur noch darüber spricht, wen man ausgrenzt und wen man verachtet.

Ich glaube zu verstehen, dass Ihr  Euch verraten fühlt. So viele Versprechungen und so viel Ernüchterung. Was bleibt, ist der Blick in die Vergangenheit, in der, ähnlich wie heute, die „Mächtigen“ Eure Gegner waren, Ihr aber eingebettet in einen menschlichen Zusammenhalt Euch geborgen fühlen konntet. Später dann musstet Ihr erfahren, dass dieses Gefühl in der Gemeinschaft oft auf einer Lüge aufgebaut war, aber die Sehnsucht danach ist geblieben. Welche Heimat wünscht Ihr Euch? Ich bin stolz auf dieses Land Deutschland. Vergleiche ich es mit anderen Ländern, so erlebe ich, dass es uns in Deutschland gelungen ist, aus der Vergangenheit zu lernen und wir das Wissen um die Zerbrechlichkeit von Frieden und Rechtsstaatlichkeit genutzt haben, eine funktionierende Demokratie aufzubauen. Das war nicht leicht und ist weiterhin eine Herausforderung, wenn wir diese erhalten wollen. Wenn ich nun lese, dass die AFD bei er nächsten Wahl die stärkste Kraft in Sachsen werden könnte, fällt es mir zum einen schwer, dem Vorwurf, dass „die Sachsen“ Menschen mit rechtsradikalen, ja faschistischen Gedanken und Zielen sind, zu widersprechen, zum anderen kann und mag ich nicht glauben, dass „Wir sind das Volk“ bedeutet, dass Ihr Euch erneut einem System von Ausgrenzung, Intoleranz und Verachtung unterordnen wollt.

Gut oder Böse als Maßstab für Entscheidungen? Emotionen statt Sachwissen? Wisst Ihr, dass Mitglieder dieser Partei am 26.Juni dieses Jahres Journalisten, die vom Kyffhäusertreffen berichten wollten, als „Bazille, „dreckige Fotze“ beschimpft haben? (Artikel von Boris Rosenkranz) Dies ist nur ein Beispiel von vielen, in denen man doch wahrlich ins Grübeln kommen könnte, wem man da vertraut.

Liebe Sachsen, ich möchte weiterhin in Euer schönes Bundesland ziehen. Ich bin überzeugt davon, dass unabhängig von dem prognostizierten Wahlergebnis den größten Teil der Menschen die Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander vereint. Und daher freue mich darauf, auf der Straße, in den Kneipen und beim Metzger über notwendige Verbesserungen  und die Gestaltung unserer Welt zu diskutieren. Für uns und unsere Kinder.

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