„Die Mitte der Welt“ von Andreas STEINHÖFEL

Der Auto schreibt Kinder- und Jugendbücher. Erzählt wird hier die Geschichte eines jugendlichen Homosexuellen.
Ist damit alles Wesentliche gesagt?
Nein. Nicht mal in Ansätzen!

Es handelt sich weder um ein Buch speziell für Jugendliche noch um ein typisches Buch über das „coming-out“ eines schwulen Jungen.
STEINHÖVEL hat ein Buch über das Leben und die Liebe geschrieben. Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe.

Ja, die meisten Hauptfiguren sind Jugendliche. Ein Geschwister-Paar (davon ist der Junge der Ich-Erzähler) und zwei bis drei wesentliche Peers aus ihrem Umfeld. Dazu kommt die – allein lebende und extrem nonkonformistische – Mutter und zwei ihrer Freundinnen. Und dann gibt es noch ein paar Männer. Viele unwichtige – denn die Mutter hat einen beträchtlichen Verschleiß – und wenige wichtige.

Der Drive der Geschichte speist sich aus mehreren fast gleichberechtigten Quellen: Der Familiendynamik zwischen den Geschwistern und ihrer – meist so unmütterlichen – Mutter, dem Outsider-Status dieser Familie in einem schlossähnlichen Gebäude außerhalb eines bürgerlichen Städtchens, der platonischen Freundschaft des Erzählers zu einer Mitschülerin und seine erste Beziehung zu einem besonderen Jungen, um dessen Liebe er so sehr kämpft. Nahe dabei ist noch ein lesbisches Pärchen und im Hintergrund lauert ein unbekannter Vater irgendwo in Amerika.

Aber was sagt schon die Aufzählung der beteiligten Figuren?! Diese Figuren werden vom Autor in einer meisterhaften Form zum Leben erweckt. Diese Figuren haben Ecken und Kanten, sind alles andere als vorhersehbare Durchschnitts-Personen. Sie sind sicher in bestimmten Aspekten überzeichnet, sind alle auf der Suche, sind verletzlich und verletzend und sind doch deshalb – und gerade deshalb – so unglaublich menschlich.

Die Suche nach „wirklicher“ Liebe, nach wahrhaft intimer Begegnung, ist wohl das zentrale Thema dieses Entwicklungs-Romans. Diese Suche ist in den scheinbar wahllosen Affären der Mutter ebenso zu erahnen, wie in dem Kampf  der Schwester um mütterliche Liebe und in dem verzweifelten Versuch des Protagonisten, bei seinem vergötterten Traum-Jungen neben der körperlichen auch die emotionale Vereinigung zu finden.
Eine Botschaft dabei: Es ist schwer, jemanden zu lieben, der sich als Person nicht voll und ganz einlassen kann oder will. So jemand kann zwar als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Begehren dienen, kann zum Sexualpartner werden – aber eine erfüllte und erfüllende ganzheitliche Begegnung ist letztlich unmöglich.

Es geht in diesem Buch auch um Aufbrüche:  ins Erwachsensein, in die eigene Identität, in die weite Welt.

Dieses Buch ist alles andere als platt pädagogisch. Seine Lebensweisheiten werden  – und das macht die Kunst aus – nebenher und indirekt vermittelt. Durch die emotionale Identifikation mit den Akteuren und ihren Geschichten.

Man liest dieses Buch einfach gerne. Es ist unterhaltsam, anrührend und spricht viele Kernthemen des Menschwerdens und Menschseins nachvollziehbar und intelligent an.
Der Autor ermutigt seine Leser, zu ihren ureigensten Zielen und Sehnsüchten zu stehen – auch wenn das bzgl. der gesellschaftlichen Bewertung vielleicht einen hohen Preis hat. Umwege sind erlaubt, Scheitern ist erlaubt. Nur nicht aufhören, das Leben und die Liebe zu suchen!

(Das Buch ist übrigens 20 Jahre alt. Es ist zeitlos!)

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