„Fräulein E.“ von SILVIA

Fräulein E.

Vor einiger Zeit begann ich damit, meine Habseligkeiten darauf zu überprüfen, ob sie im Falle meines Ablebens für die Nachwelt von Interesse sein könnten. Mit kritischem Blick durchforstete ich meine geliebten Staubfänger. Was würde wohl mit meinem kleinen Holzelefanten passieren, der ohne Stoßzähne, aber innig geliebt, für das Glück in meinem Universum sorgt. Diese Frage kann ich mir durchaus realistisch, aber mit Bauchgrimmen, beantworten. Er würde in einem Müllsack landen und verzweifelt darüber nachsinnen, ob er seiner Aufgabe nicht gerecht wurde. Da dies Ereignis ihn nach meinem Ablehnen treffen wird, könnte man etwas zynisch sagen, dass er tatsächlich versagt hat und sein Schicksal somit durchaus verdient hat. Vielleicht sollte ich aber fürsorglicher Weise, ihm bereits zuvor ein angemessenes Begräbnis zukommen lassen?
Sie fragen sich nun, wie man auf derartige schräge Gedanken kommen kann und diese nun auch noch zu Papier bringt. Dass mir derartige Überlegungen nicht fremd sind, könnte ich zu einem späteren Zeitpunkt noch aufklären, dass ich nun darüber schreibe, hat etwas mit einem mich berührenden Ereignis am gestrigen Vormittag zu tun.
Auf einem Flohmarkt erstand ich eine braune Wildledermappe. Der Betrag von nur einem Euro, den ich dafür hinterlassen musste, gab mir das Gefühl, mal wieder meine Schnäppchenseele liebevoll gestreichelt zu haben. Kurze Zeit später, genussvoll einen Kaffee schlürfend, öffnete ich diese Mappe und fand zu meiner Überraschung sorgfältig sortierte Papiere eines gewissen Fräuleins Karin E. aus den 60iger Jahren. Sie hatte sich als Fremdsprachensekretärin beworben, die Stelle bekommen, Karriere gemacht und dann, mit einem hervorragend Zeugnis bedacht, gekündigt. Das alles geschah in Frankfurt, ich aber saß mit diesen Unterlagen nun in Spanien in einer Bar. Welch eine merkwürdige Begegnung mit einem mir fremden Menschen, dachte ich, und Ratlosigkeit bemächtigte sich meiner Gedanken und meiner Fantasien.
Um diese, meine Fantasie, in geordnete Bahnen zu lenken, begann ich dem Fräulein E. eine Geschichte zuzuordnen. Die Tatsache, dass nun diese Dokumentenmappe vor mir lag und das Geburtsdatum von Fräulein E. ließen mich vermuten, dass diese gestorben sei. Wie aber kamen die Unterlagen von Frankfurt nach Spanien auf einen Flohmarkt? Sie war Fremdsprachensekretärin. Vielleicht war sie ausgewandert? Fräulein E. hatte gekündigt, als sie 28 Jahre alt war. Jetzt war ich sicher, sie hatte sich verliebt und geheiratet. Vielleicht einen Spanier? Abgesehen von diesen fantastischen Spielereien hatte ich eindeutig das Problem, dass ich bei der Vorstellung, die Papiere in einem Müllcontainer zu entsorgen, einen deutlichen Widerwillen verspürte. Nachdenklich packte ich erstmal alles zu meinen sonstigen Flohmarktschätzen und fuhr später gemeinsam mit Fräulein E. nachhause.
Sorgfältig legte ich die Hinterlassenschaft meiner neuen Bekannten neben den Computer in die Ablage, als mir der Gedanke kam, dass mir die ach so moderne Technik ja die Möglichkeit eröffnete, ganz distanzlos auf die Suche nach ihr zu gehen. Und siehe da, ich fand diesen Menschen, mit dem mich mittlerweile eine irrationale Beziehung verband. Sie war tatsächlich gestorben. Karin, bei unserem Vertrautheitsgrad nahm ich mir ungefragt das Recht heraus, ihr das Du anzubieten, hatte in Meran gelebt. Sie war verheiratet, hatte Kinder und Enkelkinder und gemeinsam mit ihrem Mann besaß sie eine Pension. Auch ein Foto fand ich und konnte nun dem Namen ein Gesicht zuordnen. Darauf wirkte Karin freundlich, gut frisiert und zufrieden.
Während der Betrachtung meldeten sich erste, leise Zweifel. Sie nun seelentechnisch in meiner eher unordentlichen und chaotischen Welt zu beherbergen, könnte durchaus konfliktreich für uns sein. Zu meinem Chaos gehört jedoch eine gewisse Portion Toleranz. Ihr zu Liebe würde ich nun meinen Schreibtisch aufräumen. Das tat ich. Als mir dabei mein kleiner Glückselefant ohne Stoßzähne in die Hände  fiel, staubte ich ihn liebevoll ab und erklärte ihm, dass ich ihn auf keinen Fall zu Lebzeiten entsorgen würde. Aber ich hoffe, dass ihm ein Schicksal bestimmt sein wird, das seinen Taten entspricht. Er könnte mir zum Beispiel zu einer guten Eingebung verhelfen, wie ich mich respektvoll und ohne Karin zu verärgern, von ihr verabschieden kann. Noch warte ich auf eine Antwort, aber ich bin sicher, er wird sie mir geben.

Eine Antwort auf „„Fräulein E.“ von SILVIA“

  1. Eine nachdenkliche und vergnügliche kleine Kurzgeschichte. Aus dem Leben gegriffen mit einem feinen Gefühl für die Schätze und Absonderlichkeiten des Alltags. Und mit einer sympathischen Neigung zu skurrilen Perspektiven auf das vermeintlich Unbedeutende.

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