„Wie man die Zeit anhält“ von Matt HAIG

Autoren überlegen sich immer wieder neue Rahmenhandlungen, um durch Eröffnung einer neuen, ungewohnten Perspektive den Fokus auf menschliche Grundthemen zu lenken. Sie tun das mit der Hoffnung, dass der „andere“ Blick Aspekte ins Bewusstsein rückt, die sonst im Grundrauschen der Alltäglichkeit untergehen könnten.
Science-Fiction-Romane bieten oft so eine Außen-Perspektive: Aus der Sicht galaktischer Dimensionen oder gar fremder Intelligenzen werden vermeintliche menschliche Alternativlosigkeiten plötzlich in ihrer Absurdität entlarvt.

HAIG setzt diesmal kein Alien ein, um unseren Blick für das Wesentliche zu schärfen. Er spendiert uns einen wahren  „Zeit-Zeugen“, um uns das Thema Zeit in seiner existentiellen Breite nahe zu bringen.

Es gibt – so die Grundidee des Romans – ein paar Menschen auf der Welt, die zwar nicht unsterblich sind, aber mehr als die zehnfache Lebenserwartung haben wie wir Normalos (im Buch „Eintagsfliegen“ genannt). Unser Ich-Erzähler ist einer dieser Auserwählten und er lässt uns sehr intim teilhaben an den besonderen Erfahrungen, die so ein Dasein mit sich bringen kann.

Zunächst mal ist es nämlich ein ziemlicher Stress, wenn man – inmitten von Kurz-Lebern – sich so unübersehbar dem Alterungsprozess entzieht (los geht es mit der Abweichung praktischer Weise erst in der Pubertät). Die Menschen mögen nämlich keine befremdlichen Ausnahmen – sie vermuten schnell Hexen und Teufel am Werk. Dazu kommt die persönliche Tragik, wenn auch geliebte Menschen in einem so völlig asynchronen Tempo altern.
Es gibt aber auch noch zusätzliche Gegenspieler und Verstrickungen, die noch ein wenig Spannungs-Würze ins Geschehen bringen.

Welche Erkenntnisse liefert uns der Autor mit Hilfe des durch die Jahrhunderte gleitenden Protagonisten?

  • Eine dramatisch verlängerte Lebensspanne macht das Dasein nicht automatisch reicher oder erfüllter
  • Das „eigentliche“ Leben spielt sich nur in der Gegenwart ab
  • Einzelne Momente – z.B. in einer erfüllenden Begegnung mit einem geliebten Menschen – können alle objektiven Zeitabläufe außer Kraft setzen und sozusagen die Ewigkeit in sich tragen
  • Das Erkennen von geschichtlichen Zusammenhängen ist eine wichtige Erkenntnisquelle, die viel zu wenig genutzt wird
  • Das Befassen mit Geschichte kann darüber hinaus einfach auch Spaß machen
  • Im Einklang mit seinem wahren Wesen zu leben – ohne eine vermeintlich schützende Fassade – ist selbst dann die bessere Alternative, wenn damit Risiken verbunden sind
  • Es gibt nichts Wichtigeres als die Liebe

Das Ganze ist niveauvoll und unterhaltsam erzählt. Auch ein Spannungsbogen wird aufgespannt, dessen Auflösung ganz akzeptabel ist.
Und es ist eine witzige und originelle Idee, bei dem Rutsch durch die Jahrhunderte ein paar geschichtlichen Figuren persönlich zu begegnen.

Ein tolles Buch von einem begnadeten Erzähler, der sich wiederum als echter Menschenfreund erweist.

 

 

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