„Lob der offenen Beziehung“ von Oliver SCHOTT

Es handelt sich um ein kleinformatiges, schmales Büchlein, eher noch ein Heft. Darin findet sich ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen  Monogamie als unhinterfragtes Standardmodell für Liebesbeziehungen. Der  Autor hat ganz offensichtlich eine Mission. Er ist überzeugt, er will überzeugen. Er ist sicher, dass die besseren Argumente  auf seiner Seite sind. Er sieht sich als Aufklärer.

SCHOTT geht systematisch vor. Er erklärt, wie das Konzept der Monogamie sowohl historisch in der Gesellschaft als auch im individuellen Bewusstsein entstanden ist. Da er dabei realistischer Weise davon ausgeht, dass der Mensch auch ein emotionales Wesen ist, durchleuchtet er den Zusammenhang zwischen Normen, anerzogenen Selbstverständlichkeiten, gewachsenen Überzeugungen und als „natürlich“ empfundenen emotionalen Prägungen.

Letztlich vertritt er folgende Kernaussagen:

  • Monogamie entspricht nicht der Natur des Menschen, sondern ist kulturell „gemacht“ und daher hinterfragbar und veränderbar.
  • Sich dieser Norm unterzuordnen, schränkt die Lebens-, Entwicklungs- und Glücksmöglichkeiten von Menschen in Beziehungen extrem ein.
  • Die Vorgabe, andere Menschen nur nacheinander und nicht gleichzeitig (erotisch und/oder emotional) lieben zu können/dürfen, ist in sich widersprüchlich und verursacht jede Menge vermeidbares Leid.
  • Eifersucht – also das Bedürfnis nach Exklusivität in Beziehungen – ist überwindbar.
  • Es gibt lebbare Beziehungs-Alternativen.

Nun hängt die Qualität eines Buches ja „eigentlich“ nicht davon ab, ob man die Überzeugungen des Autors teilt. Bei so einem emotional besetzten Thema gerät man aber schnell auf das Gleis der Verteidigung und Rechtfertigung eigener Haltungen. Verunsicherung ist schließlich unbequem und schafft Unruhe – die man sich am besten gleich wieder vom Hals schafft…
Ich will daher die Grundlage meiner Bewertung dieses Textes transparent machen.

Mit dem Thema „Nebenbeziehungen“ beschäftige ich mich selbst sowohl praktisch als auch theoretisch seit mehreren Jahren; ein Buch dazu ist in Arbeit. Meine Reaktion auf dieses Buch ist daher geprägt von meinen emotionalen Reaktionen (als liebender Mensch) und von meiner eigenen thematischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ich will die Frage beantworten, an welchen Punkten SCHOTTs vom Prinzip her überzeugende Darstellung  bei  mir Skepsis oder Widerstände ausgelöst hat:

  • Bei mir sind schnell Zweifel entstanden, ob der Autor den Zustand einer romantisch-symbiotischen Liebe wirklich aus eigener Erfahrung kennt. Natürlich hätte er auch ohne diesen Hintergrund alles Recht der Welt, für seine Thesen einzutreten. Aber es entsteht der Eindruck, dass sich SCHOTT an etwas abarbeitet, was ihm selbst doch irgendwie fremd und seltsam vorkommt. Er gibt sich zwar redliche Mühe, diese „Absonderlichkeiten“ des menschlichen Seins zu verstehen – aber er bewegt sich da wie ein Anthropologe bei der Erforschung eines  unbekannten Urwald-Stammes.
  • Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass mir die innere Ambivalenz, das mühsame und schmerzhafte Abwägen von Positionen und Alternativen fehlt. Es ist alles so eindeutig. Wenn man sich auf seine Erkenntnisse und Argumente einlässt – so erlebt man den Autor – dann kommt man doch geradezu „zwingend“ zu den gleichen Schlussfolgerungen.
    Was ist mit den inneren Kämpfen, mit dem „Sowohl-Als-Auch“?
  • Es hätte dem Buch und seiner Überzeugungskraft gut getan, wenn es mehr Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Arten von „Liebe“ und zwischen unterschiedlichen Phasen eines Beziehungsverlaufs gegeben hätte. Zwar werden diese Aspekte vom Autor gestreift, letztlich kommt es dann aber immer wieder zu Pauschalaussagen, gegen die man sich dann innerlich zu Wehr setzt.
  • In dem Universum von SCHOTT sind Beziehungsmenschen starke, selbstbewusste, autonome Menschen auf der Suche nach erfüllender Selbstverwirklichung. Er scheint mir kein wirkliches Auge für Liebende zu haben, die in Beziehungen auch Sicherheit, Schutz und unbedingte Geborgenheit suchen. Weil sie vielleicht nicht die innere Kraft mitbringen, sich durch eine Nebenbeziehung ihres Partners nicht in Frage gestellt zu fühlen.
    Vielleicht gibt es auch einfach  – viel häufiger als er denkt – ein Bedürfnis nach Ruhe und Gewissheit, zumindest in diesem einen Lebensbereich.

Das soll reichen.
Für Menschen, die ihre eigene Position hinsichtlich der Monogamie und möglicher Alternativen mal (wieder?) überprüfen wollen, ist dieses Büchlein durchaus eine Empfehlung. Es ist anregend und engagiert geschrieben.
Wenn man es erträgt, mit einem „Überzeugungstäter“ zu tun zu haben, ist es durchaus gewinnbringend zu lesen.
Es muss kein Nachteil sein, dass das eigene Urteil am Ende vermutlich weniger eindeutig ausfällt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.