„Die Tyrannei des Schmetterlings…“ von Frank SCHÄTZING

Ich bin ein wenig aufgeregt. Wage ich mich doch an die Rezension eines aktuellen Mega-Bestsellers eines der unbestrittenen Star-Autoren in unserem Lande. Ja, es geht um SCHÄTZING. Ja, es geht um das Trend-Thema „KI“ (Künstliche Intelligenz).
In den Buchhandlungen liegt sein dicker Roman auf Sonder-Tischen. Reicht das nicht als Empfehlung? Können so viele Leser irren?

Um es vorweg zu nehmen: Ich mag dieses Buch nicht! Es hat mich enttäuscht und zwischenzeitlich auch geärgert. Ich finde sogar, dass es ein schlechtes Buch ist: nicht empfehlenswert! (Und ich habe es sogar schon verschenkt…).
Dieses harte Urteil bedarf einer Begründung.

Wer SCHÄTZING kennt, weiß, dass er in seinen ausladenden Romanen in der Regel zwei Stränge miteinander vermischt: Er nimmt sich ein Hype-Thema in der Grauzone zwischen aktueller Wissenschaft und Science-Fiction vor und erzählt auf diesem Hintergrund eine auf Spannung getrimmte Geschichte von realen Personen.
Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Allerdings würde ich mir wünschen, dass bei dieser Mischung das Thema – in diesem Falle die aus dem Ruder gelaufene Künstliche Intelligenz eines Super-Computers – im Mittelpunkt stände. Die Geschichte hätte dann die Funktion, eine Rahmenhandlung für die Auseinandersetzung mit dem Thema zu bilden und damit die Botschaft („Achtung: Das könnte gefährlich werden“) unterhaltsam zu vermitteln. Weil man z.B. gerade keine Lust auf ein Sachbuch hat.

SCHÄTZINGs Buch erweckt bei mir den umgekehrten Eindruck: Im Vordergrund steht der alte Konflikt „Gut gegen Böse“, es geht um Macht, um actionreiche Kämpfe, um spektakuläre Szenarien (bei denen man schon an die Verfilmungs-Rechte denkt), um Liebe, Loyalität und menschliche Hybris. Es geht um Waffen, um Gewalt, um Gruseleffekte, um Schneller, Größer, Raffinierter. Und als Spielfeld für all das dient eben diesmal die digitale Zukunft – weil es gerade mal dran ist.
Für mich stimmt die Gewichtung nicht. Ich brauche all diese endlose Action nicht und hätte gerne mehr über KI erfahren.

Vielleicht sollte ich mal erwähnen, dass es in dem Buch nicht einfach nur um super-intelligente Computer geht. Die haben nämlich schon ordentlich vor sich hin digitalisiert und algorithmisiert und haben insbesondere auf zwei Ebenen Besonderes geleistet: Sie haben Insekten aller Art zu biologisch-digitalen Wunderwaffen gemacht (daher die Schmetterlinge im Titel) und sie haben den Zugang zu beliebig vielen Paralleluniversen geschaffen. Diese kann man bereisen und dort noch fortgeschrittenere Technik mopsen. Das führt zu einer Menge weiterer Verwicklungen, die mit dem Thema KI erstmal gar nichts zu tun haben.
Aber das schadet ja nichts: Hauptsache es passieren (vermeintlich) spannende Dinge!

Doch jetzt mal zu den – in leicht verdaulichen Portionen eingestreuten – Botschaften des Buches:
Ja, es gibt tatsächlich lesenswerte Überlegungen u.a. zu folgenden Fragen:

  • Was könnte passieren, wenn selbstlernende Computersysteme die von der (biologisch determinierten) menschlichen Intelligenz ersonnenen Begrenzungen überschreiten?
  • Könnte es nicht sein, dass ab einer bestimmten Komplexitätsstufe die digitalen Netze und Systeme ein vorher nicht eingeplantes und einprogrammiertes Eigenleben entwickeln und tatsächlich so etwas wie Bewusstsein, eigenen Willen und eigene Ziele entwickeln?
  • Läge vielleicht in der Vermischung von biologischen und digitalen Elementen ein besonderes Risiko, weil sich die Potentiale beider Systeme in einer völlig neuen Art gegenseitig aufschaukeln?
  • Ist das alles wirklich prinzipiell beherrschbar? Zumal der Mensch ja auch naturgegeben zu Missbrauch und Gier neigt und selbst die bescheidenen Sicherungen noch außer Kraft setzen kann?

(Die Sache mit den Paralleluniversen ist zwar auch spektakulär; hier lohnt aber aus meiner Sicht keine ernsthafte Beschäftigung. Das ist eher was für Nerds der theoretischen Astro-Physik.)

Zurück zur Bewertung:
Wie gesagt – diese Überlegungen zu solchen digitalen Zukunftsszenarien sind wirklich anregend und machen Lust auf mehr. Was man bekommt, ist aber ein mehr an Hin-und-Her-Fliegereien, überraschenden Wendungen (wer ist nun der Ober-Böse?) und banalem Kampfgetöse – mit und ohne Waffen, mit und ohne Horror-Insekten. Für mich eher langweilig….

Ach – fast hätte ich es vergessen: die Sprache!
Der Schreibstil ist – kurz gesagt – eine echte Zumutung, geradezu unerträglich.
Hier wollte jemand um jeden Preis nahezu jeden einzelnen Satz bis zum Bersten aufladen mit Sprachgewalt – bzw. mit dem, was der Autor sich darunter offensichtlich vorstellt. Am laufenden Meter gibt es künstlich geschwurbelte Satzkonstruktionen, die mit möglichst starken und spektakulären Adjektiven und Adverben vollgepumpt sind – oft so grotesk, dass nur (unfreiwillige) Komik übrigbleibt.
Warum macht man sowas? Stand da jemand mit einem geladenen Revolver neben Herrn SCHÄTZING – oder gar mit einem angriffsbereiten Killer-Insekt? Wie kann man ein ganzes Buch dauernd auf dem höchst-möglichen Sprach-Steigerungs-Level halten?

Okay. Ich will mich nicht hineinsteigern. Gerne bekomme ich von den Lesern dieser Rezension anderslautende Rückmeldungen.
Ich werde jetzt, nachdem ich diesen Text geschrieben und gepostet habe, mal in andere Kritiken dieses Romans hineinschauen. Vielleicht verstehe ich ja dann den Sinn von allem…
(Falls das so sein sollte; werde ich dies demnächst an dieser Stelle kundtun).

Bin immer noch ein bisschen aufgeregt. Wenn nun alle anderen das Buch super finden…???

Eine Antwort auf „„Die Tyrannei des Schmetterlings…“ von Frank SCHÄTZING“

  1. Über den Inhalt kann ich mich nicht so leidenschaftlich auslassen, wie du es für nötig gehalten hast.
    Aber sprachlich gesehen ist das Buch tatsächlich eine Zumutung. Dabei verstehen wir jedes Wort, das geschrieben wurde. Sogar in den oft irrwitzigsten Kombinationen, die unbedingt gemeinsam einen Satz bilden wollen. In den meisten Fällen Schachtelsätze, die –in dieser Dramatik– selbst du nicht zustande bringen könntest. Und das soll schon was heißen. Aber gegen manche Formulierungsmonster kommt selbst unser literarisch geschultes Gehirn kaum an, ohne dass man –der Genialität mancher Wort-Neuschöpfung zum Trotz– nur noch genervt die Augen verdrehen möchte. Ich kenne nicht annähernd so viele synonyme Adjektive um ein und die selbe Sache am Ende des Satzes so bedeutungsvoll (also mit Bedeutungen vollgestopft) zu hinterlassen, dass man nicht mehr weiß worum es zu Beginn der Passage eigentlich ging.
    Ich habe wirklich versucht mich an dieser Stelle so einfach wie möglich auszudrücken. Der obig erwähnte Autor hingegen, hätte meine dilettantischen Formulierungsversuche nicht mal zum Warmlaufen verwendet.

    p.s.: Das Wort “Verfilmungsrechte“ hätte ich an deiner Stelle niemals mit Bindestrich geschrieben….

    p.p.s.: Aber das Buch ist wirklich schrecklich….

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