„Leere Herzen“ von Juli ZEH

Es geht um den neuesten Roman der angesagten Erfolgs-Schriftstellerin, erschienen im November 2017. Jeder, der sich ein wenig für Literatur interessiert, hat schon von dem Titel oder der Autorin gehört. Ich habe den Roman mal wieder als Hörbuch konsumiert und habe das mit großem Vergnügen und Gewinn getan. Warum, das will ich hier kurz begründen.

Natürlich bietet der Roman mehrere Betrachtungsebenen an.

Die Story hat krimi-artige Facetten; es gibt einen Spannungsaufbau und mehr oder weniger überraschende Wendungen. Es geht um Gefahren und Gewalt. Es gibt die eindeutig „Bösen“; bei den „Guten“ sind die Verhältnisse nicht ganz so klar…
Letzteres hat damit zu tun, dass das Ganze in einem sehr speziellen Umfeld spielt: Es geht um eine sehr eigenwillige (und etwas schräge) Verbindung zwischen der therapeutischer Arbeit mit potentiellen Selbstmördern und der Organisation „terroristischer“ Anschläge. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Diese Handlung ist eingewoben in das Leben einiger Hauptpersonen. Dazu gehören zwei Ehepaare mit ihren Töchtern, ein Mitarbeiter der Selbstmord-Praxis und insbesondere eine potentielle Selbstmörderin. Wir bewegen uns in einem liberal-alternativen Milieu; die detailreich gezeichneten Figuren sind erstmal eher Sympathieträger, laden die Leserschaft zur Identifikation ein. Es handelt sich nicht um Abziehbilder, sondern um Personen mit Ecken und Kanten, mit biografischen Spuren.

Die dritte Ebene ist sicher die wichtigste; hier lauern ganz offenbar die zentralen Botschaften, die uns Juli ZEH vermitteln möchte. Ich würde sie mal als politische/gesellschaftliche Ebene bezeichnen.
Der entscheidende Clou des Romans ist nämlich, dass wir uns in der Nach-Merkel-Ära befinden, die  – man könnte es fast ahnen – eine AfD-Ära ist.
Natürlich heißt die Bewegung im Buch anders – aber es geht ganz eindeutig um die Darstellung der Veränderungen, die mit der Regierungsübernahme einer populistisch-nationalistisch-autoritären-rückwärtsgewandten Partei verbunden sein könnten.
Das Spannende und Lohnende daran ist, dass diese gesellschaftliche Klimaveränderung eher in leisen Tönen beschrieben und eher an unspektakulären Beispielen veranschaulicht wird. Das Faszinierende und Erschreckende ist die offenbar sehr rasch eingetretene Gewöhnung, die fortschreitende Normalisierung und Relativierung. Man arrangiert sich, zieht sich ins Private zurück, sucht nach den kleinen Lösungen. Den Glauben an die großen Ideale hat man aufgegeben; es herrscht Resignation. Die Mehrheit hat es ja offenbar so gewollt!

Auf diese – aus meiner Sicht schon sehr kunstvolle und feinsinnige – Analyse eines nahen gesellschaftlichen Zukunfts-Szenarios wird ganz am Ende des Buches noch eine Ebene draufgelegt. Hier gewinnt das Buch noch weiter an Format, denn es verbindet in diesem Finale die ziemlich verrückte Zuspitzung der Story mit einer sehr ersten und grundsätzlichen Aussage über die zulässigen Mittel der politischen Auseinandersetzung.
Da ich hier inhaltliche Vorwegnahmen (also ein Spoilen) vermeiden möchte, kann ich leider nicht konkreter werden; letztlich geht es um die alte Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt.
Ich finde die gegebene Antwort sympathisch und richtig – und ich sehe in dieser hier vorliegenden Aufbereitung dieses Konflikts eine tolle literarische Leistung.

Ein Roman besteht nicht nur aus Inhalt, sondern auch aus Sprache. Logischerweise. Juli ZEH benutzt immer wieder schöne Bilder, manche Formulierungen verdienen ein genussvolles Innehalten. Sie schreibt einen modernen Roman, ohne dass die Lesbarkeit durch eine übertrieben auf modern getrimmte Sprache leidet. Dadurch wird das Buch für ein breites Publikum attraktiv: Die thematische Einbettung spricht eher ein junges Publikum an, die sprachliche Umsetzung ist zeitlos.

Ein tolles Buch!

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