Chaos bei der SPD – eine andere Perspektive

Natürlich: Es wurden Fehler gemacht – nicht zuletzt auch von Martin Schulz!
Was aber in den letzten Tagen und Stunden passiert ist, ist meiner Meinung nach nicht das Ergebnis solcher Fehler der Hauptakteure, sondern vorrangig die Folge einer gesellschaftlichen Negativ-Stimmung, die sich – nicht nur, aber auch – in der SPD breitgemacht hat.

Was will ich damit sagen:
Mir scheint es immer stärker darum zu gehen, sich an (vermeintlichen) Schwächen, Fehlern oder Widersprüchlichkeiten von Führungsfiguren  schonungslos abzuarbeiten. Es gibt ein extrem destruktives Vergnügen daran, Leitfiguren zu demontieren – im Extremfall solange und so gründlich, dass deren Laufbahn in Schutt und Asche liegt.
Es ist ein Spiel, das scheinbar alle höchst vergnüglich finden: die politischen Konkurrenten, die Parteibasis, die Medien und all die Privatleute, die in Gesprächen und Posts lustige oder wütende Beiträge machen und damit die Steigerungsspirale vorantreiben.

Es macht scheinbar unendlichen Spaß, Autoritäten zu kippen! Die Pubertät lässt grüßen! Die Folgen? Ist doch egal – Hauptsache es fühlt sich geil an oder es verschafft Aufmerksamkeit oder Quoten!

Ich würde gerne über die Folgen reden.
Ich bin z.B. stinksauer, dass gerade in wenigen Tagen zwei hoch kompetente potentielle Außenminister dieses Landes zerwurstet wurden. Ich wollte gerne, dass dieses Land – und Europa insgesamt – bestmöglich vertreten wird. Mir war letztlich egal, ob Schulz oder Gabriel das tun – wenn sie es nur endlich tun dürften.
Vielleicht war das Blitz-Gekungel zwischen Schulz und Nahles nicht der beste Stil – aber was hat man (als SPD)  bitte davon, wenn in dieser hoch-sensiblen Phase sofort wieder alles durch einen Proteststurm in Klump gehauen wird?
Man wirft den Handelnden ihre persönlichen Ambitionen vor – ich werfe denen, die auf jede denkbare Abweichung von ihrer Ideallinie mit wütendem Geheul reagieren, Verantwortungslosigkeit vor. Diese Art, mit Entscheidungen umzugehen, die einem selber nicht passen, drückt genau den Egoismus und Narzissmus aus, den man angeblich kritisieren will.

Das „Nein-Sagen“, die unerweichliche Ablehnung von Kompromissen, ist offenbar das Gebot der Stunde. Nur nichts zähneknirschend akzeptieren, weil es der Sache dienen könnte. Es gibt ja die „Reine Lehre“, es gibt ja eine frühere Festlegung, die man den Handelnden auf Lebenszeit vorhalten kann. Irgendwas findet man immer – und man sich daran hochziehen und sich von anderen dafür feiern lassen.
Nur wie soll in einem solchen Klima noch sinnvolles politisches Handeln möglich sein?

Das allgemeine Unbehagen an dem „Weiterwursteln“ einer vermeintlich ausgelaugten GroKo ist mir nicht völlig fremd. Auch ich hätte mir angesichts der wirklich brennenden Themen und Probleme einen mutigeren und zukunftsweisenderen Aufbruch gewünscht. Ich finde es nur absolut unfair und extrem destruktiv, diesen Frust jetzt an den an verantwortlicher Stelle handelnden Politikern abzuladen. Die Wahl ist im September gelaufen – und im Februar ist man hochgradig frustriert, dass die SPD nicht alle ihre Vorstellungen durchsetzt! Das ist doch nicht mehr nachzuvollziehen! Das ist Kinderkram: „Ich will einen Lolli haben, und zwar den roten!“

Ich will, dass dieses Land regiert wird, und zwar von erfahrenen und kompetenten Leuten – auch wenn diese mal einen Looping vollziehen.

 

5 Antworten auf „Chaos bei der SPD – eine andere Perspektive“

  1. Was ist denn tatsächlich passiert? Die SPD setzt seit den 100% für Schulz nur noch auf Verpackung. Inhalte sind zur Nebensache verkommen. Effekte sind wichtiger als Nachhaltigkeit. Warum? Die Partei ist geteilt in Erneuerer und beharrlich Linke, die die Feindbilder von vorgestern bedienen.
    Die Neuausrichtung muss der SPD nun schnell und glaubhaft gelingen, sonst wird sie bald keine Rolle mehr spielen.

    Die Grünen haben gerade erst die richtigen Schritte mutig eingeleitet. Auch die CDU wird bald folgen (müssen).

    In der jetzigen desolaten Situation ist die SPD kaum berechenbar, und ein solcher Partner in einer Regierung trägt nicht zur Stabilität bei.
    Dann lieber mit wechselnden Mehrheiten für 2 Jahre regieren und dann neu wählen.

  2. Du sprichst (schreibst) mir aus der Seele, so sagt man das doch, wenn so ganz der selben Meinung ist. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten lässt den Narzissmus erblühen und Gewinner ist derjenige, der oben aus dem Riesenrad rotzt. Nur das Rad dreht sich und irgendwann ist man wieder in Bodennähe und kann einfach nicht aussteigen, weil der Schlamm am Boden nicht mehr tragfähig ist. Ich würde meinen Genossen gerne eine Schweigewoche im Kloster verordnen , um die Spirale der emotionalen Unvernunft zu stoppen und sie zu erden. Ein eigener fester Boden unter den Füßen könnte das Einsinken im Schlamm verhindern.

  3. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold !
    Das Schweigekloster von Sylvia hat mir gut gefallen, ich kann die allgemeine Geschwätzigkeit , ob Politiker oder Journalisten, auch kaum noch ertragen. Haltet einfach mal die Klappe und macht euren Job!

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