Katalonien II

Ich bin am Tag der sog. Unabhängigkeitserklärung des katalonischen Parlaments zufällig vor Ort, auf Besuch bei einer Freundin. In einem kleinen Dorf in der Nähe von Girona, der zweitgrößten Stadt Kataloniens.

Wir verfolgen den ganzen Tag gespannt die Nachrichtenlage. Dann passiert es: Die beiden Parteien fahren die größten Geschütze auf – ab sofort ist alles möglich. Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt; besser: Zwei Züge nehmen Fahrt auf, aufeinander zu, auf einer eingleisigen Strecke.

Betrifft mich das? Werde ich wie geplant in der nächsten Woche nach Hause fliegen können? Wird meine Freundin das Land verlassen müssen, weil deutsche Jugendämter in dieser Situation keine Maßnahmen mehr verantworten können?

Was ist mit den Menschen hier? Gestern machte ich einen Spaziergang, eine Stunde nach Verkündigung der Ablösung von Spanien. Die Leute strichen ihre Haustüren und reparierten ihre Autos. Die katalonischen Fahnen hängen müde an manchen Häusern. War was?

Alle Leute verlassen sich darauf, dass ja nichts Ernstes passieren kann. Das Leben muss doch weitergehen. Der Alltag ist doch stärker als die Politik. Hat jemand ein Gefühl dafür, dass man gerade mutwillig eine insgesamt gute und friedliche Lebenssituation aufs Spiel setzt? Größtenteils, um einer vagen Idee, einem diffusen Freiheitsgefühl nachzujagen? Man vergleicht sich in einer naiven Realitätsverzerrung mit Situationen und Menschen, bei denen es wirklich etwas ging oder geht. Um Unterdrückung, Not, Perspektivlosigkeit.

Für mich ist es unverständlich. Und verantwortungslos. Ich freue mich, dass gerade die Sonne aufgeht. Ich hoffe auf den Sieg der Vernunft. Überall. Und ich hoffe auf eine problemlose Heimkehr in der nächsten Woche.

(Es ist übrigens schön hier)

4 Antworten auf „Katalonien II“

  1. Nun auch ich habe mir Gedanken zu dieser Situation gemacht, mit der wir gestern konfrontiert waren.
    Ein Herbsttag, wie man sich ihn nur erträumen kann. Tiefblauer Himmel, die Sonne wärmt angenehm und die Menschen sitzen auf dem Patio der Bar und trinken ihren Wein oder Kaffee. Zwei Deutsche, die Katalonien als neue Heimat für sich entdeckt haben, sitzen entspannt und sichtlich zufrieden an einem der Tische. Auf die Frage „Wie geht es Dir?“ bekommen sie die Antwort „ Ach, die politische Lage beunruhigt mich“. Erstaunte Gesichter! „Was soll schon passieren? Sie wollen Freiheit, aber was ist das schon? Entweder ist man frei oder nicht. Darüber entscheidet nicht die Politik. Es wird sich nichts verändern, alles bleibt so wie bisher.“ „Zum Beispiel die wirtschaftliche Situation, schon jetzt sagen die Zahlen….“ „Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast“ werde ich unterbrochen. „Der Tischler hier im Dorf hat mehr Aufträge als zuvor.“ „Im Ausland wird unsere Situation sehr kritisch gesehen.“ versuche ich einzuwenden. Erstaunte Gesichter. „Warum, hier ändert sich doch Nichts?“
    Entweder ist man frei oder nicht. Es wird sich nichts ändern. Zwei Sätze, die mich beschäftigen. Der jahrzehntelange Frieden scheint für diese beiden eine Selbstverständlichkeit zu sein. Die philosophische Betrachtung des Wortes Freiheit ist einer der Luxusgedanken, mit denen man sich in gewohnter Friedenszeit beschäftigen kann. Eine kleine Drehung des Kopfes könnte jedoch schon bewirken, dass diese Lebensphilosophie neu betrachtet werden müsste. Es wird schon nichts passieren. Trägheit macht sich breit in den Köpfen der Menschen, die sich eingerichtet haben in einem Leben, dass, abgesehen von persönlichen Schicksalsschlägen, nie bedroht war. Trägheit und Verantwortungslosigkeit, Trägheit und Desinteresse. Ihr hättet es wissen können, habe ich meiner Elterngeneration immer vorgeworfen. Jetzt erlebe ich wie ein ungewollter Theaterbesucher, wie die Schauspieler auf der Bühne des Geschehens in völliger Naivität die Tatsache negieren, dass sie Akteure sind. Sie halten an dem Text längst vergangener Stücke fest und sind weit davon entfernt zu realisieren, dass die Regisseure und auch das Stück sich verändert haben. Muss tatsächlich erst wieder eine lebensbedrohliche Situation entstehen, um den Menschen klar zu machen, dass nichts von dem Segen der letzten Jahre der uns umgebenden friedlichen Bedingungen eine Selbstverständlichkeit war? Diese beiden Menschen, die sich mit ihren Gedanken zur Freiheit in ihrer kleinen, abgeschlossenen Welt eingerichtet haben und, ich wage zu behaupten, als Beispiel für viele herhalten können, sind doch sehr bequem für die Stückeschreiber. Sie werden erst dann erkennen, dass etwas sich verändert, wenn die Bretter, die die Welt bedeuten, sich unter den Ereignissen langsam auflösen und sie keinen Halt mehr haben. Ihr hättet es wissen können, kann ich dann erneut sagen. Aufwachen ihr Menschen, aufstehen und Stellung beziehen. Überprüft eure Texte, gebt dem Stück eine neue Richtung, einen neuen Inhalt!
    Damit eure Enkel euch nicht fragen müssen
    Warum ?“.

  2. Nach langer Zeit besuch ich den Blog. Ich finde sehr interessante Gedanken, die mich anregen und inspirieren.
    Ich möchte eine andere Ebene anmerken:
    Heute ist der 31.10.2017 – eine der umwälzende Revolutionen der Zeitgeschichte jährt sich zum 500. Mal. Die Reformation der Kirche im damaligen Heiligen römischen Reich deutscher Nation. Die Gesellschaft war massiv römisch klerikal geprägt und beherrscht. Freies Denken und Liberalität waren Teufelswerk. Der Ablasshandel blühte.
    In dieser Zeit schlug ein unbeutender Mönsch revolutionäre Thesen an eine Kirchentür. Und initiierte dadurch einen der größten gesellschaftlichen Umwandlungsprozesse.
    Zwischenzeitlich standen sich Bewahrer und Teile der Reformer mit Gewalt und Hass gegenüber und schlugen auf sich ein. Es ging zum Schluss darum, wer hat die Macht und das Geld – im Namen der römischen Kirche.
    Der eigentliche Initiator blieb sich treu und blieb beharrlich bei seinen ursprünglichen und vor allem gewaltfreien Thesen und Gedanken. Innerlich stark und beharrlich seine Haltung gegenüber den Mächtigen vertretend.
    Das hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube an die eigene gewaltfreie Meinung und an die gewaltfreie Veränderung. Auch wenn sie mach mal viele Dekaden und gar Jahrhunderte braucht.
    Ich will für ein achtsames Miteinander im Sinne der Menschlichkeit eintreten. Wohl wissend, dass dies in der heute so globalisierten Welt möglicherweise nur im eigenen Mikrokosmos möglich sein kann. Aber im eigenen Garten kann am ehesten die Saat gedeihen…. Und dort kann ich auch die gute Ernte einfahren.
    Hmm, vielleicht ein wenig abgehoben – aber das bewegt mich in diesen Tagen.
    Danke, dass es hier ein offenes Forum dafür geben darf.

    1. Hallo Martin,
      ganz grundsätzlich stimme ich dir zu und fühle, dass es Mut machen kann zu sehen, dass ein einzelner Mensch damals in der Lage war mit Beharrlichkeit, Offenheit und Rückgrad Missstände anzuprangern und zu verändern. Gewünscht hätte ich mir allerdings, dass seine durchaus widersprüchlichen antisemitischen Aussagen ebenfalls thematisiert worden wären. Mich beschäftigt die Frage, wie ein Mensch mit einem so gut ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und der Fähigkeit Zusammenhänge herzustellen in diesem Punkt tradierte Vorurteile schürt und verbreitet.

    2. Ich habe mich sträflicher weise mit der historischen Figur Luther nie richtig ernsthaft beschäftigt. Spannend fand deshalb ich die sehr kritische Einordnung in der Philosophiegeschichte von PRECHT (2. Band).
      Es gibt wohl eine große Diskrepanz zwischen der realen, offenbar sehr zwiespältigen Person und der von ihr ausgelösten religiösen und zeitgeschichtlichen Bedeutung.
      Auch die emanzipatorische Kraft des Protestantismus lässt sich bei genauerem Hinsehen schnell relativieren. Aber das ist ein anderes Thema..

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