„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ von Elif Shafak

Diese Rezension ist eine echte Herausforderung für mich: Was schreibt man über ein Buch, dessen Inhalt und Sprachstil einem so fundamental fern liegt und fremd ist?

Natürlich könnte ich es mir leicht machen und diese große innere Distanz dafür nutzen, einen Verriss zu formulieren, mich vielleicht sogar lustig zu machen oder arrogant über bestimmte Aspekte zu erheben. Das würde mir tatsächlich nicht wirklich schwer fallen.

Aber wäre es angemessen und fair?

Vielleicht erstmal zum Buch selbst: Der Aufbau folgt der bekannten Struktur „Buch im Buch“. Eine in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung (über eine von ihren „wahren“ Gefühlen entfremdete westliche Wohlstandsgattin und Mutter) umschließt eine Geschichte über die dramatische Beziehung eines Sufi-Derwisches zu einem islamischen Gelehrten im 13. Jahrhundert. Die Klammer zwischen diesen beiden Welten wird durch den  – zunehmend realen – Kontakt zwischen der zu sich selbst findenden Frau und dem schon bei sich angekommenen Autor dieses Romans gebildet. Es wäre ein Wunder, wenn man sich den Rest nicht denken könnte…

Doch worum geht es inhaltlich; was will das Buch vermitteln?

Das kommt auf die Betrachtungsebene an.

Aus eine religiösen Perspektive betrachtet ist das Buch ein Plädoyer für einen sanften und humanen Islam, in dem der persönliche Weg zum Glauben als wichtiger erachtet wird als die buchstabengetreue und durch Autoritäten überwachte Befolgung von formalen Vorschriften. Es geht um Toleranz, um innere Haltungen und gütige Bescheidenheit. Glaube und Spiritualität werden als demütige Suche und nicht als in Stein gemeißelte Selbstgewissheit dargeboten.

Erweitert man den Bezugspunkt, dann geht es um grundsätzlichere Einstellungen zum Leben: Was zählt ist – natürlich – nicht materieller Wohlstand oder ein durchgetaktetes und auf die Erreichung langfristiger Ziele ausgerichtetes Leben, sondern die Besinnung auf den Augenblick, das achtsame Umgehen mit sich selbst und der Natur und die gelassene Annahme der schicksalhaften Fügungen des Lebens (denen grundsätzlich natürlich ein Sinn zuerkannt wird).

Das klingt doch alles ganz nett und annehmbar. Stimmt. Es ist insgesamt ein positives, menschenfreundliches Buch. Aber es ist für einen Leser, der sich einem rationalen Weltbild zugehörig fühlt, auch eine ziemliche Zumutung. Warum?

Nun, mich störte weniger die vorhersehbare und extrem klischeebehaftete Rahmenhandlung; damit kann man leben. Schwieriger zu verdauen ist schon die unerschütterliche Selbstverständlichkeit, mit der einzig und allein ein spirituell-religiöser Zugang zur Welt ausgebreitet wird. Auch das kann ja eine erhellende Perspektiverweiterung sein, wenn man sich mal ganz bewusst inspirieren lassen will. Wenn dann aber das Ganze noch in einer – für westliche Verhältnisse – extrem ungewohnten Sprache erzählt wird, dann stellt sich die Frage der Durchhaltebereitschaft. Vielleicht ist es meine bedauernswerte Fixierung auf die nüchterne Rationalität meines kulturellen Backgrounds, die mich diese Sprache als so unerträglich kitschig-schwülstig empfinden lässt. Kann ja alles sein – aber es ist nun mal so!

Wird man durch dieses Buch inspiriert?

Ja, natürlich enthält dieses Buch eine Reihe von Lebensweisheiten. Der Anspruch, es seien nun genau diese 40 Regeln relevant für ein beglückendes Leben in Liebe zu Gott und den Menschen, ist sicherlich nicht ernsthaft zu begründen. Das von Selbstzweifel ungetrübte Postulieren dieser Weisheiten erinnert dann doch ein wenig an die Wahrheitsüberzeugung, die eigentlich ja in diesem Buch kritisiert wird.

Schlussfolgerung: Man sollte als Leser dieses Buches schon relativ nahe dran sein, an dieser Art zu denken und zu sprechen. Sonst wird das Buch eher zu einem – verstörenden und anstrengenden  – Ausflug in eine fremde und unbekannte Welt. Sich davon wirklich berühren zu lassen, wird dann nicht ganz einfach sein.

Eine Antwort auf „„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ von Elif Shafak“

  1. Du hast es zu Ende gelesen! Damit hätte ich nicht gerechnet, es ist sogar mir schwer gefallen, obwohl ich sicherlich grundsätzlich bereiter bin, mich auf einen derartigen Inhalt einzulassen und auch noch eine andere Motivation hatte, dieses Buch zu lesen. Mich hatte die Schilderung motiviert, dass dieses Buch dazu anregt, sich mit den vorherrschenden Vorstellungen über den Islam auseinanderzusetzen und einen anderen Blick darauf zu bekommen. Eine meiner Jugendlichen, die im Zweifel Allah für ihre Situation verantwortlich macht, ohne dass er die Wut darüber zu spüren bekommt (ihm hat man einfach immer dankbar zu sein, das kommt mir doch bekannt vor) hat begonnen, dieses Buch zu lesen. Bin mal gespannt, wie sie darauf reagiert. Ansonsten kann ich dir nur zustimmen und man muss es nicht gelesen haben. Was mich aber neugierig gemacht hat ist die Tatsache, dass die Autorin eine bekannte türkische Schriftstellerin ist. Ich möchte dies besser verstehen und lese daher gerade das Buch „Ehre“ von ihr. Na ja, auch nicht ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen kann, aber kein Vergleich zu den Liebesgeheimnissen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.