Katalonien

Wofür die Separatisten in Katalonien kämpfen, ist das Gegenteil von dem, was wir in Europa brauchen. Es ist zu hoffen, dass sich die Vernunft gegen die emotionalen Verirrungen der Unabhängigkeits-Befürworter durchsetzen kann.

Bei allem Verständnis für das Bedürfnis, kulturelle und sprachliche Besonderheiten zu pflegen und zu erhalten: Das Bestreben, einzelne Provinzen in Spanien oder sonstwo in Europa aus den staatlichen Zusammenhängen abzulösen, ist nochmal eine Steigerung des sowieso schon immer stärker um sich greifenden Nationalismus.

Wenn die Menschheit auch leider noch nicht überall in der Lage ist, globale Probleme als solche zu erkennen und darauf mit globalen Lösungen zu antworten, so sollten doch wenigstens zusätzliche lokale Sonderwege in weiter zersplitterten Einheiten verhindert werden. Warum verstehen die Menschen nicht, dass man sich angesichts der geopolitischen und weltwirtschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte wirklich keine selbst konstruierte Schwächung Europas leisten kann.  Amerikaner und Chinesen warten nur darauf, dass das „altmodische“ Europa mit seinen „übertriebenen“ ökologischen, sozialen und demokratischen Werten von der Weltbühne abtritt.

Wir sollten daher hoffen, dass Separatisten Europa nicht noch zusätzlich schwächen. Und wir sollten dafür eintreten, das die Initiativen (insbesondere von Macron) für ein modernes, starkes und soziales Europa sich durchsetzen.

2 Antworten auf „Katalonien“

  1. Warum verstehen die Menschen nicht……weil ihnen das „Wir“ egal ist, selbst wenn es am eigenen Küchentisch nicht zu finden ist. Weil sie andererseits eine ungeheure Sehnsucht nach dem „Wir“ haben, das am besten mit einem Feind von außen zu produzieren ist, weil es an emotionaler und sozialer Intelligenz mangelt, weil man einen Schuldigen braucht um selber keine Verantwortung zu übernehmen, weil der Genuss am pubertierenden Geschrei so groß ist, oh oh jetzt werde ich gemein. Habe einen interessanten Kommentar bei spiegel online Schlagzeilen gefunden: Thomas Fricke, Die Schuld der Eurokrisenmanager, Freitag, Katalonien. Und unabhängig davon haben mich heute Morgen die Leserkommentare bei zeit online zu dem Artikel: Viertklässler lesen und rechnen schlechter, dazu gebracht, den Tag mit lautem Lachen zu starten. So ganz allein für mich.

  2. Der Mensch braucht Wiederholungen. In seinem kleinen, doch in der Regel eher für die Gesellschaft unbedeutendem Leben, aber auch als Gemeinschaft. Wir wiederholen so lange auch uns schädigende Verhaltensweisen und Entscheidungen bis sie uns in eine endgültige Sackgasse geführt haben. Dann können wir auf dem Standpunkt verharren, uns einen Schuldigen zu basteln, also sogar am Ende an den alten Strukturen festhalten, oder wir beginnen das große Ganze zu betrachten und öffnen uns für Möglichkeiten, die wir bisher schön versteckt in unseren Kellergewölben aufbewahrt haben. Dann ist Schluss mit Sätzen und Gedanken, die bisher unser Leben bestimmt haben. Puigdemont scheint ein gebildeter, empfindsamer Mensch zu sein, der an dem Punkt seines Lebens steht, alte Glaubenssätze umsetzen zu können. Schon immer „träumte er von der Unabhängigkeit“ habe ich gelesen. Wenn ich mir nun diese Person herausgreife, dann kommt mir als erstes der Gedanke, dass Bildung alleine nicht die Grundlage dafür zu sein scheint, ein emotionales Erbe hinterfragen und korrigieren zu können. Sich aufgehoben fühlen in einem „Wir“, in dem man sich bestätigt fühlt, diese Sehnsucht trägt uns alle, vermute ich. Dann kommt der Blick auf eine Welt, in der wir mit rechten, mit nationalistischen und egozentrischen Bewegungen zu tun haben. Wie konnte es dahin kommen? Was haben „mein Wir“ versäumt, meine Generation, die noch für Solidarität, für Frieden und eine selbstverantwortliche Gemeinschaft auf die Straße gegangen ist? Wieso ist es uns nicht gelungen, unsere Erfahrungen und Lebenssätze so in den Herzen der Menschen zu verankern, dass es ihnen wichtig ist, ein friedvolles Miteinander anzustreben, dass sie begreifen, dass dies nur mit Kompromissen und gegenseitigem Respekt möglich ist? In Deutschland haben wir mit einem emotionalem „Wir“ in den neuen Bundesländern zu kämpfen, das in einem Leben entstanden ist, in dem die Menschen dazu verpflichtet wurden, in dem sie nicht gelernt haben, demokratische Handlungen und Gedankenmodelle durchzuspielen. Und diese Bewegung erfasst die Menschen, die bisher in einer in Watte getauchten Realität gelebt haben, denen das Leben serviert wurde und die ebenfalls nicht gelernt haben, eigene Verantwortung zu übernehmen. Nicht mögliche Lösungen stehen im Mittelpunkt, sondern Kritik, die den Volkszorn anstachelt.
    Zurück zu Katalonien. Nehmen wir mal an, es gibt den inneren Antrieb, es endlich diesem faschistischen System unter Franco zeigen zu wollen, dass man es besiegen kann. Ein Wunsch, der vererbt wurde und tief sitzt, nicht nur in den Herzen der älteren Generation. So tief, dass sie nicht wahrnehmen können, dass die ihnen zugestandenen weitgehenden Autonomierechte in den vergangenen Jahrzehnten mit dieser Schmach der Zeit der Unterdrückung nicht mehr zu vergleichen sind. „Wie unter Franco“ sagt man jetzt. Mit diesem Vergleich ist es dann ein leichtes diese emotionale Bewegung zu lenken und weiter zum Sieden zu bringen. Ein gebildeter Mensch wie Puigdemont sagt dies. Es ist mir nicht vorstellbar, dass er nicht weiß, wie eine Diktatur funktioniert, dass er nicht weiß, wie ein faschistisches System auf die Separatistenbewegung reagiert hätte. Da beschleicht mich das Gefühl, dass Berechenbarkeit diesem Hadeln zugrunde liegt. Ich erlebe hautnah, wie manipulierbar Menschen sind und wie unwichtig Fakten und Vernunft in einer solchen Situation sind. Ein politisch interessierter Mensch konnte zudem auch wissen, dass die rechte und verkrustete Staatsmacht sich genau zu den Schritten entschließen würde, wie sie es nun getan hat. Ein solcher Mensch kann auch wissen, dass diese Reaktion damit auch ihre Entsprechung in der vorliegenden demokratisch festgelegten Verfassung hat.
    Sich dafür stark zu machen, dass Katalonien, das bis vor wenigen Wochen eine stabile und auf Grund seiner wirtschaftlichen Situation mächtige Position innerhalb Spaniens hatte, positive Veränderungen innerhalb des Staates und unter Nutzen der demokratischen Strukturen hätte anstoßen können, wäre das nicht sinnvoller gewesen? Sinnvoller mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft. Ich denke schon, aber nicht so gefragt und auch erstmal nicht mit einer derartigen Popularität gekrönt. Und auch der tief verankerte Auftrag die Elterngeneration zu rächen, wäre damit nicht bedient worden.
    Es bleibt die Frage, ob eine weitere Eskalation noch gestoppt werden kann. Mein Gefühl verneint dies. Der stolze Spanier und der stolze Katalane. Einlenken bedeutet Gesichtsverlust. Herr Rajoy mit seiner parlamentarischen Rückendeckung und der aufkommenden Wut der spanischen Bevölkerung im Rücken und Herr Puigdemont mit seinem Auftrag und dem nicht mehr kontrollierbaren Freiheitsgebrüll in seinen Reihen. Erstmal Chance vertan. Hätten die Katalanen ihre bisherige Machtposition benutzt, um sich für Neuwahlen in Spanien stark zu machen, hätten sie einen breiten Zuspruch im Land erfahren. Es gab keine Zufriedenheit mit der Politik Rajoys. Sie hätten für einen Politikwechsel demonstrieren können und für die damit verbundene neue Möglichkeit auf Verhandlungen in Bezug auf ihren finanziellen Beitrag, mit dem sie bisher das Land und die Regierung gestützt haben.
    Würde ich gleich eine spanische Flagge aus dem Fenster hängen und eine zweite mit „no“, dann müsste ich mich auf heftige Repressalien einstellen. Das ist nicht Demokratie und Freiheit und sehr bedauerlich.
    Aber welche tiefsitzenden, in der Vergangenheit geborenen Wünsche und Verletzungen sind denn in Deutschland die Ursache für rechtsradikales Gedankengut und die Bereitschaft sich emotional verführen und manipulieren zu lassen? Und wie kann ich Menschen erreichen, die keine Freude am Denken haben und kein Interesse an überprüfbaren Wissen? Ihre emotionale Bedürftigkeit in eine andere Richtung lenken, oder? Und endlich erkennen, dass wir bei der Erziehung unserer Kinder schon viel früher damit beginnen müssen, humane Werte und Demokratieverständnis in den Vordergrund zu rücken. Ethikunterricht mag vielleicht für unsere Zukunft wichtiger oder ebenso wichtig sein wie der Satz des Pythagoras. Um unsere Demokratie und Freiheit stabil zu halten.

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