„Golden House“ von Salman RUSHDIE

Die meisten Menschen meiner Generation kennen Salmon Rushdie als Symbolfigur für die unbarmherzige Intoleranz der Islamisten. Er wurde bereits unter dem Kohmeini-Regime 1989 mit einer Fatwa belegt und damit offiziell zur Tötung freigegeben, weil seine „Santanischen Verse“ angeblich den heiligen Koran beleidigt hätten. Seitdem lebt der Autor unter permanenter Bedrohung und Polizeischutz.

Rushdie hat inzwischen eine ganze Reihe erfolgreiche Romane veröffentlicht, einige davon habe ich auch gelesen.

Sein aktueller Roman reicht bis in die unmittelbare Gegenwart – thematisiert dabei insbesondere die Veränderungen in den USA vor und nach der Trump-Wahl. Das Buch ist komplex und vielschichtig bzgl. der angesprochenen gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen: neben dem politischen Klima (in Indien und der USA) wird insbesondere die Gender-Debatte (in allen verrückten Varianten), die allgemeine Suche nach Identität, die organisierte Kriminalität, der Kulturbetrieb (insbesondere im Filmbereich) und das komplexe Netz familiärer Beziehungen und Verstrickungen thematisiert. Natürlich fehlt auch die Suche nach Liebe nicht.

Eingebettet werden diese inhaltlichen Aspekte in eine Dreifach-Handlung: Erzählt wird die Familiengeschichte eines ursprünglich aus Indien stammenden steinreichen Unternehmers und seiner drei Söhne (1. Ebene), die wiederum von dem Ich-Erzähler zum Gegenstand seiner (z.T. sehr persönlichen) Erkundung und Erforschung gemacht wird (2. Ebene), wobei dieser Prozess von eben jenem Erzähler auch noch auf der Meta-Ebene betrachtet und reflektiert wird (3. Ebene).

Doch damit nicht genug! Wer Rusdie nicht kennt, wird sicherlich zunächst erschlagen sein von seiner Wortgewaltigkeit, die den Leser immer wieder heraus- und öfters auch überfordert. Das muss man wollen.
Der Autor ist sowas wie ein Welt-Intellektueller, der sich gleich in einer ganzen Anzahl von Kulturen grandios auskennt und sich aus all diesen Quellen in einer unnachahmlichen Souveränität bedient. Das führt dazu, dass man sich manchmal ganz klein und hilflos vorkommt, weil man entweder nur halbverstehend-staunend darüber hinweg liest (oder hört) oder erstmal eine Recherche-Zeit einplanen muss, um der Bedeutung der Begrifflichkeiten und ihrer Bezüge halbwegs gerecht zu werden. Dieser Mensch kennt scheinbar alle nur erdenklichen Geschichten, Sagen, Bücher, Filme, Musikstücke oder was sonst menschliche Kultur erschaffen hat und greift nach Lust und Bedarf auf all dies zurück, wenn es ihm zur Ausschmückung eines Gedankens dient.
Das ist anstrengend – aber auch faszinierend und letztlich eine unnachahmliche Lese-Erfahrung.

Natürlich ist der Erzähler (und damit auch der Autor) nicht werte-neutral! Dieses Buch ist (wie das gesamte Wirken von Rushdie) der Humanität, der Vernunft und der Aufklärung gewidmet. Damit ist natürlich Trump (der sich im Buch hinter einem anderen Namen versteckt) der natürliche Gegner.

Mit dem Buch tritt man in ein ganzes Universum ein, das einem mit all seiner Komplexität in Beschlag nimmt. Zusammengehalten wird es durch die Hauptfiguren und letztlich durch das Schicksal des Ich-Erzählers. So schafft es Rushdie, all seine breitgefächerten Botschaften zu vermitteln und dem Leser doch das Gefühl eines zusammenhängenden „Roten Fadens“ zu geben – also doch so etwas wie eine Ordnung in einer total chaotischen Welt zu schaffen (vielleicht sogar mit einem akzeptablen Ende?).
Und genau das ist die literarische Kunst, die Rushdie so perfekt beherrscht: seine Weltsicht und seine Apelle so zu verpacken, dass sie zum Lesen und zum Weiterlesen motivieren.

Und am Ende hat man sich so an diese unglaublich überbordende Intensität dieses Lese-Kosmos gewöhnt, dass im eigenen – so vergleichsweise überschaubaren – Leben fast sowas wie Entzugserscheinungen auftreten könnten….

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