27.01.2020

Es ist wirklich lobenswert, dass es in Deutschland (zumindest im offiziellen) seit längerer Zeit eine angemessene Erinnerungskultur gibt. Im Vergleich zu unserer historischen Last, auf die am heutigen Tage (Befreiungstag des Ausschwitz-Lagers) mit gutem Grund hingewiesen wurde, ist das allerdings nur ein winziger Beitrag – aber immerhin.

Doch gleichzeitig ist etwas anderes gruselig: Zu einem Zeitpunkt, in der die allerletzten lebenden Vertreter der Täter-Generation längst weit weg von irgendwelchen Machtpositionen sind und sich die Frage einer biografischen Verstrickung für niemanden mehr stellt – zu dieser Zeit wird es für einen steigenden Prozentsatz unserer Mitbürger offenbar „schick“, die Untaten und deren zugrunde liegenden Haltungen und Ideologien zu verharmlosen (oder im Extremfall sogar zu rechtfertigen).

Wie kann – so frage ich mich – in einer Gesellschaft, die schon ein ganzes Menschenleben lang privilegiert in Friede, Demokratie und Wohlstand lebt, ein so erschreckend großer Bodensatz von Menschenverachtung entstehen (oder erhalten bleiben)?
Wie kann man nach dem Holocaust als Deutscher auf die Idee kommen, eine neue antisemitische Haltung zu entwickeln. Ich frage mich – auch als Psychologe – ganz ernsthaft, wie so etwas überhaupt funktionieren kann. Wie kommt man auf den Gedanken, ausgerechnet Juden (wieder) als Feinde wahrzunehmen und bekämpfen zu wollen?

Vielleicht bin ich an diesem Punkt wirklich zu naiv. Meine Vorstellung von menschlicher Vernunft und Emotionalität lässt mich hier im Stich.

Eigentlich habe ich nur eine Erklärung: Ist es vielleicht die Suche nach dem größtmöglichen Tabubruch, nach der extremsten Provokation? Schafft es einfach die größte Befriedigung (und Aufmerksamkeit), an der schmerzhaftesten Wunde der Deutschen Identität zu kratzen?
Aber warum tun das ausgerechnet diejenigen, die sich die sich dem Nationalstolz verschreiben? Sie wollen ja nicht „die Deutschen“ provozieren, sondern das verhasste links-grün-liberale Establishment davonjagen. Sie erleben gar keinen Widerspruch zwischen deutscher Identität und Judenhass.

Ich komme hier nicht weiter. Vielleicht ist heute auch eher ein Tag der Scham und der Trauer – und nicht des Denkens und Erklärens…

26.01.2020

Verkehrte Welt:

Unser Verkehrsminister (u.a. für CO2-Verminderung und Sicherheit verantwortlich) greift den ADAC (größter Lobbyverein der Autofahrer) an, weil dieser sich nicht mehr vorbehaltlos gegen ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen positionieren will.

So saust das gesellschaftliche Bewusstsein schwungvoll an dem zuständigen Spitzenpolitiker vorbei. Geradezu mit unbegrenzter Geschwindigkeit….

25.01.2020

Es ist schon frustrierend:
Auf der einen Seite läuft das Impeachment-Verfahren, bei dem es (den Republikanern) ganz offensichtlich nicht um die politisch-rechtliche Bewertung des Verhaltens eines Präsidenten geht, sondern nur um die Durchsetzung ihrer Mehrheitsverhältnisse im Senat.

Parallel dazu wurde in diesen Tagen mal wieder ein informatives Insider-Buch veröffentlicht, in dem minutiös der chaotische und charakterlose Führungsstil von Trump anhand von zahlreichen Beispielen und von jeder Menge Zeugenaussagen zweifelsfrei belegt wird.

Was bedeutet das alles unterm Strich?
Man hält eine Wiederwahl von Trump für relativ wahrscheinlich.

Wie war das nochmal? Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen – mit Ausnahme aller anderen?
Was der gute Churchill wohl zum gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Demokratie sagen würde, in der eine Wahlkampagne ohne den Einsatz von Hunderten Dollarmillionen (eigenen oder „selbstlos“ gespendeten) keine Aussichten auf Erfolg hätte? In der geballte Medienmacht in der Hand einer rechtslastigen Clique von Superreichen liegt?

Ich weiß – ich habe auch keine Alternative. Aber ich bin froh, dass wir noch nicht ganz amerikanische Verhältnisse haben (auch nicht, wenn Gabriel zur Deutschen Bank wechselt).
Und russische oder chinesische Verhältnisse sind sicher nicht die Lösung….

„Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ von Maren Urner

Ein nettes, überraschendes Geschenk: Ein modernes Layout schaut mir entgegen, mit einem schon bekannten Titel, der zeitgeistrelevante Kost verspricht. Als ich das Buch selbst mal in der Buchhandlung in der Hand hatte (ja, ich betrete solche traditionellen Refugien noch), spürte ich etwas Skepsis. Sollte es etwa um ein Schönreden unserer Menschheitsprobleme gehen? Sollte mal wieder unsere Lebenssituation mit dem finsteren Mittelalter verglichen werden? Ich hab es dann erstmal weggelegt.

Das populärwissenschaftliche Sachbuch der Wissenschaftlerin, Dozentin und Journalistin befasst sich mit der Art, wie wir alltäglich Nachrichten angeboten bekommen, wahrnehmen und auswerten. Und es stellt die Folgen dar, die all dies für unsere Weltsicht und unsere emotionale Verfassung hat.


Das Buch beinhaltet u.a. folgende Themen bzw. Botschaften:

  • es möchte über einige grundlegenden sozial- und wahrnehmungspsychologische Grundlagen aufklären,
  • es greift dabei zur Veranschaulichung auf bekannte Experimente und selbstgestrickte Übungen zurück,
  • es verbindet die Erkenntnisse – wo immer es sich anbietet – mit Befunden aus den Neurowissenschaften,
  • es beschreibt und kritisiert den Overflow und die einseitig negative Ausrichtung der auf uns pausenlos einströmenden Informationen,
  • es beschreibt Alternativen zu dieser „negativen Überreizung“ und stellt in diesem Zusammenhang ein eigenes Projekt (eine Plattform für „konstruktiven“ Journalismus) vor und
  • es gibt praktische Hinweise auf Selbsthilfe-Möglichkeiten, um den Risiken von Fehlwahrnehmungen vorzubeugen bzw. dem Strudel der permanenten Internet-Berieselung zu widerstehen.

Es geht in diesem Buch nicht um das Relativieren von realen Problemen und Risiken, sondern um eine andere Form der Berichterstattung. Es geht um „positiven Journalismus“; einen Journalismus, der nicht nur Missstände oder Bedrohungen beschreibt, sondern auch über Lösungsmöglichkeiten informiert, insbesondere über bereits bestehende Initiativen und Aktivitäten. Ziel ist es, nicht ein Gefühl von Ausweglosigkeit und Resignation entstehen zu lassen, sondern eher Mut zu machen und Perspektiven zu schaffen.

Urner befasst sich mit diesem modernen Thema, in moderner Form. Sie duzt ihre – wohl als überwiegend gleichaltrig eingeschätzte – Leserschaft; man ist ein wenig unter sich. Der Schreibstil ist entsprechend locker und persönlich; das Buch ist leicht zu lesen.

Hört sich doch alles gut an. Gibt’s was zu meckern?
Vielleicht gibt am ehesten – ich trau mich mal, persönlich zu werden – so eine Art Autoren-Neid.
Maren Urner hat offenbar Glück gehabt: Sie hat einen renommierten Verlag gefunden, der ihr Thema für „angesagt“ hielt. Man hat einen etwas reißerischen Titel und ein peppiges Layout spendiert und der jungen Autorin gleich noch die Möglichkeit gegeben, in einem Sachbuch ein eigenes Projekt in aller Ausführlichkeit zu promoten. Gut gelaufen; diese Chance erhält nicht jede/r Autor/in.
Natürlich sei ihr das gegönnt.

Frau Urner hat ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie reklamiert den Einbezug von Erkenntnissen gleich aus mehreren Fachgebieten. Man sollte vielleicht kurz darauf hinweisen, dass der wissenschaftliche Tiefgang sich in Grenzen hält. Der Schwerpunkt liegt auf Allgemeinverständlichkeit und Lesbarkeit. Das soll kein Vorwurf sein; nur eine kleine Relativierung.

Wer sich ohne fachwissenschaftlichen Anspruch mit dem Thema befassen möchte, findet einen motivierenden und niederschwelligen Zugang und fühlt sich vermutlich am Ende unterhaltsam informiert.

Ich hätte am liebsten 3,5 (von 5) Sterne gegeben, wollte dann aber nicht kleinlich sein. Ich fand, dass Urner an einigen Stellen ein bisschen dick aufgetragen hat und sich ein bisschen viel Raum für eine Art Erlebnisaufsatz über das Entstehen ihres Web-Projektes genommen hat.

Aber vielleicht ist da ja auch mal wieder ein älterer Mann ein wenig neidisch auf den Erfolg einer jungen Frau (s.o.)…

24.01.2020

Ein SPD-Vizekanzler geht zur Deutschen Bank. Darauf haben alle, deren Beruf oder Hobby SPD-Bashing ist, nur gewartet.

Eigentlich ist es egal, was diese Personalie „objektiv“ für die Bank und deren zukünftige Ausrichtung bringen könnte. Selbst wenn das – auch aus linker Sicht – positiv wäre: Die Botschaft wird negativ sein und bleiben.

Es gehört nunmal nicht zum gefühlten Markenkern von sozialdemokratischen Spitzenpolitikern, in die Konzernzentralen zu wechseln. Viele Menschen, die ihrer SPD bis jetzt die Treue gehalten haben, werden sich verprellt fühlen.

23.01.2020

Heute wurde an die 75 Jahre zurückliegende „Befreiung“ des Vernichtungslagers Ausschwitz gedacht. Wie kann es sein – so frage ich mich – dass die Rückschau auf diesen (mehr als beschämenden) Teil unserer Geschichte so stark von aktuellen Mahnungen und Warnungen begleitet werden muss?

Die allermeisten lebenden Menschen sind nicht mehr persönlich in Verantwortung und Schuld bzgl. der unfassbaren Taten und Ereignisse verstrickt. Dieser Umstand soll auch nicht übersehen werden.
Aber der Hass und die Gewalt (angedroht und ausgeübt), die sich gegen alte und neue Sündenböcke und Feindbilder richtet, entsteht und verbreitet sich von unseren Augen, hier und jetzt in unserer Gesellschaft.
Darauf angemessen zu reagieren, ist unzweifelhaft UNSERE Pflicht und Verantwortung.

Was kann man als „normaler“ Bürger tun? Ohne gleich großes Engagement oder gar Risiken eingehen zu müssen? Vielleicht nützt es ja schon ein wenig, in Familie, Bekanntenkreis, Job und Nachbarschaft Position zu beziehen. Zu sagen und zu zeigen, in welcher Art Gesellschaft wir leben wollen – und in welcher nicht.
Aber die meisten von uns haben sicher keinen direkten Kontakt mit den Menschen, deren Meinungen und Verhaltensweisen uns so ratlos und besorgt macht.

Man kann ein wenig auf den „indirekten“ Effekt hoffen: Einige von den Menschen, die wir kennen, sind möglicherweise punktuell näher dran an der Wut- und Hassszene als wir selbst. Stärken wir also diese Menschen durch unsere Haltung und Eindeutigkeit, so dass sie ihrerseits Mut haben, sich zu zeigen und zu bekennen.

Wer – politisch – mehr tun möchte, verdient jeden Respekt.
Aber DAS könnten wir alle tun.

22.01.2020

Angeblich sind ja die öffentlich-rechtlichen Fersehsender alle links-grün unterwandert.

Wer das denkt oder behauptet, sollte mal in die heutige Maischberger-Sendung reinschauen.

Für mich war es schwer auszuhalten, dass man dort Greta auf eine Stufe mit Trump gestellt hat („beide extrem“). Und dann kritisiert man Habeck, weil er Trumps Rede als „Desaster“ bezeichnet hat.

Habe dann ausgeschaltet. Man möge mich bitte mit dem Thema „rot-grüne Meinungsmache“ eine Weile in Ruhe lassen…

„Maschinen wie ich“ von Ian McEvan

Ich dachte: „Ein Geschenk des Himmels!“ (was für mich bedeutet: „ein toller Zufall“).
Dieses Buch begegnete mir, als ich mich – in einem ganz anderen Kontext – gerade mit der spannenden Frage nach dem Zusammenhang zwischen neurologischen Prozessen im Gehirn und dem „Ich-Bewusstsein“ beschäftigte. Für mich ist das übrigens eine der grundsätzlichsten und aufregendsten Fragen überhaupt.

Nun also ein Roman genau zu diesem Thema! Die Motivation konnte kaum größer sein.

McEvan (von dem ich schon den Roman „Kindeswohl“ gelesen hatte) setzt sich mit der Bewusstseinsfähigkeit von KI (Künstlicher Intelligenz) auseinander. Praktischerweise hat diese KI die Form eines ersten Super-Roboters angenommen, der nach seiner Betriebsaufnahme schon bald nicht mehr von einem normalen Menschen zu unterscheiden ist (wäre da nicht diesen Aufladekabel am Bauch…).

Ich sollte erwähnen, dass der Roman eine recht wilde Mischung von Genres beinhaltet: ein bisschen Science-Fiktion, ein bisschen Wissenschaftsbuch, ein bisschen Liebesroman, ein bisschen Satire, ein bisschen Gesellschaftskritik, ein bisschen Zeitgeschichte, …
Dieser Facettenreichtum macht sowohl die Beschreibung als auch die Bewertung des Textes ein wenig kompliziert.

Es gibt für all das eine Rahmenhandlung. Die hat mit einem jungen Paar zu tun, das Anfang der 80-iger Jahre in London lebt. Der IT-Mann ist ausgestiegen, hält sich mit kleinen Börsenspekulationen über Wasser und investiert seine Erbschaft in einen der ersten Maschinen-Menschen.
Von da an wird das Leben auf mehreren Ebenen komplex und aufregend. Das kann eben passieren, wenn das einprogrammierte Bewusstsein des Androiden mit der realen Welt der Menschen konfrontiert wird…

In dem Roman steckt ein ganzes Potpourri von kreativen und amüsanten Ideen. Man wird ohne Zweifel niveauvoll unterhalten.
Geboten wird aber auch echte Technikgeschichte – insbesondere durch das Zusammentreffen mit dem PC-Pionier Alan Turing (von dessen Erfindungen man eine Menge erfährt).
Ein besonderer Gag liegt auch noch darin, dass zwar Ereignisse der Zeitgeschichte erwähnt werden, die Abläufe und Ergebnisse aber in entscheidenden Punkten auf den Kopf gestellt werden.
Damit das alles in die Zeit passt, wird die IT-Entwicklung einfach um ein paar Jahrzehnte vorverlegt (man ist damals also etwa auf dem Stand, den man vielleicht 2035 erwarten kann).

Was vielleicht deutlich wird: Es warten viele ganz unterschiedliche Aspekte und Themen – wobei ich die eigentliche Handlung ja noch gar nicht erwähnt habe…

Das Beste wäre wohl, mit möglichst wenig konkreten Erwartungen an dieses Buch heranzugehen. Vor allem nicht mit der Erwartung, ein irgendwie geschlossenes und kohärentes Ganzes vorzufinden.
Vor allem sollte man auf keinen Fall ein – auch nur in Ansätzen – befriedigendes Ende erhoffen.

Mit dieser Gelassenheit ausgestattet kann man dieses Buch tatsächlich genießen. Es ist lustig, anregend, tiefsinnig.
Und dann schiebt man einfach den Gedanken zur Seite, dass McEwan all diese tollen Ideen vielleicht sogar noch zu einem besseren Buch hätte verarbeiten können.
Er hat nun mal dieses geschrieben.
Und es lohnt sich, es zu lesen.

21.01.2020

Welch eine Szenerie: Davos im Januar 2020!

Wenn man die Gegenfigur zu Greta schaffen müsste, würde man Trump erfinden. Wollte man den Anti-Trump kreieren, käme wohl Greta dabei heraus.

Zwei Weltsichten. Zwei Manifestationen von Menschsein. Mehr Kontrast geht kaum!

Ich kann inzwischen auf ca. 50 Jahre bewusstes politisches Denken zurückblicken. Nur selten war es so eindeutig, für welche Seite sich Herz und Verstand entscheiden.

20.01.2020

„Die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft werden optimistischer gesehen.“

So eine Meldung des Tages.

Stimmt das noch? Passt das noch? Darf man die Begriffe „Wachstum“ und „optimistisch“ noch in einem Satz benutzen? Wird man nicht in wenigen Jahren über so eine blauäugige Wachstumsorientierung den Kopf schütteln?

Ich weiß es nicht genau. Aber ich habe so eine Ahnung….